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Belegexemplare für Wecker. Konstantin Wecker & Band, 22.03.15, Rheingoldhalle Mainz

März 23, 2015

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Und wieder einmal war ich mit Miss Gonzo unterwegs. Diesmal verschlug es uns in die Rheingoldhalle, einem Ort, den man nur aufsucht, wenn es denn unbedingt sein muss oder wenn man Freikarten bekommt. Gestern war beides der Fall. Wir abgebrühten Schweinehunde vom gONZo-Verlag mussten Konstantin Wecker schließlich seine Belegexemlare vom Fledermausland aushändigen, der bereits erwähnten Thompson-Anthologie, die neben dem seinen übrigens auch einen Text von mir enthält (ich wollte es nur nochmal betonen). Das taten wir dann auch, ließen uns aber erst noch was vorsingen.

Ich habe Wecker zum ersten Mal vor etwa anderthalb Jahren im Unterhaus gesehen (und darüber auch einen Text geschrieben, den ich leider nicht verlinken kann. Damn you, Rhein-Zeitung.) Damals in der Kleinkunstversion mit Jo Barnikel am zweiten Klavier, jetzt mit Band. Es birgt immer ein gewisses Risiko, wenn Liedermacher ihre Stücke mit zu vielen Instrumenten aufblasen, aber in dem Fall funktionierte das meist außerordentlich gut – vor allem das Schlagzeug und Cello brachten alten Liedern neue Durchschlagkraft.

 

 

Wecker eröffnete das Konzert ganz grandios und allein am Klavier mit dem „Willi“. Dass der Willi gar nicht wirklich tot ist, sondern angeblich vorne am Merch-Stand CDs verkaufte, nahm der Geschichte nichts von ihrer Dringlichkeit. Sofort war ich so richtig drin in der Wecker-Welt und begab mich mit auf eine Reise durch 40 Jahre deutsche Geschichte und deutsche Gegenkultur.

Natürlich ließ der Mann sich zu seinem Bühnenjubiläum gebührend feiern, wie es sich für eine egomanische Rampensau gehört, aber zumeist blickte er, wie es sich für einen weisen Alten gehört, mit gelassener Einsicht auf die eigene Laufbahn. Die Anekdoten um seinen sanften, pazifistischen Vater spiegelten die Väterlichkeit, mit der er sein junges Selbst durch die Lieder wandeln ließ, die ihn zur musikalischen Autorität gemacht haben.

Wütend bleibt er auch im hohen Alter, und das macht Hoffnung. Immer noch haben seine gesellschaftskritischen Gedichte einen enormen Wumms, wenn sie auch heute nicht mehr vor langbärten Hippies vorgetragen werden, sondern vor bildungsbürgerlichem Rheingoldhallen-Publikum, das zumeist sehr still auf seinen Stühlen saß. Vor allem die erste Hälfte, die deutlich politischer war, hatte einen enormen Zug und beeindruckte mich Zuspätgeborene unter anderem mit diesem sehr brechtschen Song, der PEGIDA auf den Leib geschrieben sein könnte:
 

(Was ist das eigentlich für ein verkokstes Standbild? Herrlich.)

 

Nach der Pause wurde es ein wenig introspektiver, mit mehr Liebesliedern und Gedanken ums Älterwerden und um Abschiede, aber auch mit furiosen Jamsessions und ausgedehnten Ausflügen in Jazz, Blues und Klassik. Über drei Stunden lang ging es im Schweinsgalopp durch alle Emotionen, die an einem Liederabend so im Publikum geweckt werden können, Gänsekopfhaut und erschütterte Tränchen inklusive. Solchermaßen mitgerissen rafften sich dann auch die sitzenden Massen zur Zugabe aus ihren Stühlen, als seien sie endlich zum Leben erwacht.

 

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Gestern Nacht: Miriam Spies und Goose and Gander im Atelier neun, und andere Dinge.

März 20, 2015

Gestern Nacht zogen wir in losen Familienverbünden durch die kulturellen Wirkungsstätten unserer seltsam provinziellen Großstadt. Für jeden, der die echte Provinz überlebt hat, bedeutet eine Stadt wie diese trotzdem noch Freiheit, aber nach sechs Jahren fühlt sich die neue Heimat auch für mich manchmal wie ein Nest an. Ich finde das aber gar nicht so verkehrt, immer dieselben Gesichter zu sehen, die sich ja doch verändern mit der Zeit – nur kein Stillstand. Und bei aller Vertrautheit ist irgendetwas doch immer neu und anders.

 

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Los ging es im Atelier neun, einem Ort, den ich jetzt zum ersten Mal besucht habe, obwohl es ihn schon seit zwanzig Jahren gibt. Als der Laden zu leben begann, wurde ich gerade eingeschult, und trotzdem ist das eigentlich gar nicht so lange her. Damals war es zwar noch nicht üblich, per Beamer Bilder und Atmosphäre auf Hauswände zu projizieren, aber vielleicht gab es damals schon eine Bank auf genau diesem Vorsprung, auf dem Ausstellungsbesucher saßen und sich Kippen drehten. Und jeder kannte jeden oder zumindest irgendwen.

 

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Das Jubiläumsprogramm lief, Freunde hatten eingeladen, wie immer halt. Nicht jeder kennt jeden, aber jeder kennt irgendwen, der irgendetwas auf die Beine stellt, und jeder stellt selbst irgendetwas auf die Beine. Ich war nicht der Ausstellung wegen hier, sondern  weil das Rahmenprogramm ausschließlich von Menschen gestaltet wurde, die ich gern habe, und ein besseres Rahmenprogramm konnte niemand sich wünschen. Meine Mentorin und Verlegerin Miriam Spies las Tucholsky, meine geschätzten Weggefährten Daphne Knickrehm und Roman Dobrovolny musizierten als Folk-Duo Goose and Gander. Welten trafen zusammen, ganz sachte.

 

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Sicher geht so was nicht ohne Schwierigkeiten – die Musik ist sanft und wunderschön, Tucholsky eher Krieg und Leichenteile, man raufte sich die Haare, fand sanfte und wunderschöne Tucholsky-Gedichte und den Humor ebenso wie die Düsternis in alten Zwanziger-Jahre-Schlagern.  Miriam kämpfte mit einem hochprofessionellen Vortrag gegen die eine gespenstische, aber aufmerksame Stille, die leider verhinderte, dass laut gelacht oder aus tiefstem Herzen geseufzt wurde, was hin und wieder durchaus angebracht war.

Goose and Gander waren so charmant nervös, dass alle sie gern haben mussten. Ihre Folksongs sind von so viel subtil schräger Schönheit, dass der eine verpatzte Coversong wohl nur der Legendenbildung zuträglich sein kann. Jetzt klingt der Text fast wie ’ne Rezension. Dies ist keine Rezension, denn ich bin ja parteiisch.

 

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Mir fällt übrigens erst jetzt ein, dass sich all diese Menschen ohne mich vielleicht nicht einmal kennengelernt hätten, oder zumindest unter anderen Umständen, und freue mich über die ganzen Zufälle. Daphne und Roman studierten zwar mit mir gemeinsam Literatur, doch wenn Roman und ich zum Studienbeginn nicht in derselben Bruchbude gehaust hätten, wäre diese Band vielleicht niemals entstanden, und einige andere Dinge sicher auch nicht. Eigentlich wollte ich damals mit in die Band, aber dann kam wie immer alles anders, und so ist es gut. Miriam kennen die beiden sowieso nur, weil ich mich damals vor fünf Jahren von Weitem unsterblich in diese verdammt coole Frau verliebt hatte, die immer überall da war, wo ich auch war oder sein wollte – und weil ich nicht zu feige war, um sie anzusprechen. So ist das manchmal mit der Liebe.

 

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Jetzt sind wir alle schon fast alte Ehepaare und zogen an diesem gestrigen Abend unsere sozialen Zirkel um uns, die sich in Teilen überschneiden, in Teilen aber auch ganz weit auseinander stehen, wo nicht jeder jeden kennt, aber jeder irgendwen und es sich so schließlich doch anfühlt wie Familientreffen, in der Art der Nähe ebenso wie der Distanz. Das grelle Licht und die weißen Wände kühlten die Atmosphäre etwas herunter, aber es ist trotzdem ein guter Ort. Unzählige Farbflecke haben den Boden selbst zu einem abstrakten Klecksgemälde gemacht, das mich fast noch mehr faszinierte als die eigentliche Ausstellung. (Die lohnt sich aber durchaus auch.)

 

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Danach wurde im Hinterhof geraucht, sich verbrüdert, aufgeräumt. Neue Pläne wurden geschmiedet. Während sich die einen endlich entspannen konnten, gerieten die nächsten schon wieder in Panik und versuchten sich an Krisenbewältigung; irgendwas ist immer, nur kein Stillstand. Bald waren wir unterwegs, in kleinen Gruppen, die einen noch zum Dönermann, die anderen nochmal kurz nach Haus, ein paar auf direktem Wege. Manche mussten sich verabschieden, aber das ist okay, sie sind beim nächsten Mal wieder dabei.

 

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In der Dorett platzten wir mitten in ein Akustikkonzert. Die Musik erinnerte an Gysbert zu Knyphausen, für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr, aber wir waren ja auch nicht der Musik wegen hier. Manchmal landet man an Orten und bleibt dort hängen und fühlt sich zu Hause – so geht es mir derzeit mit dieser Bar, um die sich meine sozialen Zirkel immer enger ziehen, als sei diese kleine rote Raucherkneipe gerade der Nabel unserer kleinen, bunten Welt, als sei hier gerade etwas am Enstehen, die Summe vieler kleiner Teile. Die Dorett will mehr Kultur machen, wir sowieso immer, alles fügt sich wunderbar zusammen, und es lag ein gewisser Enthusiasmus im Raum, auch unter den Nachzüglern und den Beistehenden, in der ganzen verlausten Verwandtschaft.

 

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Wir rauchten und tranken und redeten, wir tanzten und feierten unseren Tatendrang. Wir waren so selbstherrlich und großspurig, wie man es nur spät Nachts sein kann, mit viel Alkohol und mit Freunden.

 

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Wir wurden weniger, wir wurden betrunkener, wir tanzten weiter. Um uns herum bald nur noch Volltrunkene, Notgeile und Freaks, die man hier zum Teil jeden Abend trifft, die manchmal lustig sind und manchmal unheimlich und die einem hin und wieder ein bisschen leid tun. Am Ende waren wir nur noch zu dritt auf der Tanzfläche, drei besoffene Weiber, die nicht nach Hause wollten, es aber trotzdem mussten.

Also teilten wir uns einen Döner und mampften uns im Wechsel durch menschenleere Straßen. Auf dem Weg fanden wir ein Klappbett auf dem Bürgersteig, das wir mitnahmen, weil es sonst ganz offenbar keiner mehr haben wollte. Das Bett hatte sogar Rollen und machte damit einen tierischen Lärm, der zwischen Münsterplatz und Schillerplatz so ziemlich alle aufgeweckt haben muss, aber es war uns ein Zeichen. Eine von uns würde in meinem Wohnzimmer auf diesem Bett schlafen müssen, weil die Nacht zu schön war, um sie in Einsamkeit zu beschließen. Wir rollten das Bett nach Hause, schauten Fotos, hörten Radiohead und schliefen ein, eine nach der anderen, in der zutiefst beruhigenden Gewissheit, dass es morgen mit all dem weitergehen würde – nur kein Stillstand.

 

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Immer kurz vorm Kollaps: Leipziger Buchmesse 2015

März 15, 2015

Die Messe ist nicht ganz vorbei, da sitze ich schon zu Hause vor meinem röchelnden Arbeitsgerät und versuche, Ordnung in das Chaos zu bringen, das auch nach nur zweieinhalb Tagen mit gONZo auf der Buchmesse in meinem Kopf herrscht.
Dabei muss ich mich, so viel sei im Vorfeld festgestellt, einer selbst auferlegten Zensur unterwerfen, denn was wirklich geschah, kann man halt einfach keinem erzählen. Auf die Wahrheit müsst ihr leider warten, bis meine Memoiren veröffentlicht werden, und das kann noch eine Weile dauern. So bear with me und lasst euch hier mit einer geschönten Version des hellen Wahnsinns abspeisen!

 

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Roadtrip with the Boss: Am Mittwoch holte Miss Gonzo ihre Autorinnen Simona Turini und moi-même in Mainz ab, stopfte sie in ihr wie üblich randvolles Auto und machte sich auf den Weg nach Leipzig. Dort würde sich bald zeigen, dass Madame Turini und ich nicht einfach nur Platz wegnahmen, sondern im Namen des besten Verlags der Welt unverzichtbare Dienste verrichten würden.

Zunächst aber stand die ganze Unternehmung unter dem Stern des Scheiterns: Unvorhersehbare Ereignisse verzögerten unsere Abfahrt, und die Frau am Steuer drohte jeden Moment krankheitsbedingt in Ohnmacht zu fallen. Außerdem waren ALLE Toiletten der angesteuerten Autobahnraststätte defekt, und so mussten wir kalte Ärsche in Kauf nehmen und in die Büsche pissen. Dann aber rauchten wir unsere Pausenzigaretten in diesem wunderschönen Sonnenuntergang, der uns wieder ein wenig mit der Welt versöhnte.

 

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Solchermaßen ermutigt tetristen wir uns wieder ins gONZo-Mobil, und der Boss stieg aufs Gas. Wenige knapp vermiedene Karambolagen später erreichten wir tatsächlich unser Ziel. Unsere Gemütslage oszillierte beständig zwischen fehlgeleiteter Zuversicht und bereichtigter Panik, doch schließlich waren die Bücher im Stand verstaut, den der Herr Köglowitz, seines Zeichens Chef des Unsichtbar-Verlags und unangefochtener Patriarch des Doppelstandes, dankenswerter Weise bereits errichtet hatte.

Nun galt es noch, den wichtigsten Task zu erledigen und Bier zu besorgen, bevor die Messetore geschlossen wurden. Das war sehr wichtig, denn wie sollten wir andere Menschen ohne Freibier auf unsere Seite ziehen (natürlich zwecks Weltherrschaft)? Auch hier hauchte uns die Verzweiflung ihren sauren Atem in den Nacken, denn Leipzig scheint die einzige Stadt Deutschlands zu sein, in dem nicht einmal der REWE bis 22 Uhr geöffnet hat.

 

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Panic on the streets of Leipzsch! Sogar der Saggsenboarg (dt. Sachsenpark, Einkaufszentrum), den uns der überaus freundliche Portier anzusteuern empfahl, hatte schon zu. Wir heizten durch die Straßen und wähnten uns bereits verloren.

Doch dank der technologischen Errungenschaften unseres Zeitalters und der besonnenen Reaktionsschnelligkeit aller Beteiligten bzw Beteiligtinnen meistereten wir am Ende aber auch diese Aufgabe. Am Ende hatten wir sogar noch Zeit zum Pipimachen, aber nicht viel, denn sowie wir die Halle 5 verrichteter Dinge wieder verließen, schloss man hinter uns das Tor. Ein Glück, dass wir alle so schnell pinkeln können, dachte ich nicht zum ersten Mal an diesem Tage.

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Draußen rauchten wir unsere Siegeskippen, tranken unseren Siegesschnaps aus Frau Turinis Flachmann und waren zu Recht verdammt stolz auf uns.

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Dann ging es weiter zur Mietwohnung, wo uns Herr Andreas Köglowitz in Empfang nahm und unsere Errungenschaften gebührend würdigte. Während es der ikeamäßig durchgestylten Wohnung an Bettdecken und Persönlichkeit mangelte, entschädigte das Vorhandensein einer Heizung und eines Sofas, auf dem Miss Gonzo sogleich völlig erschöpft zusammenbrach. Wir tranken, futterten die herrlichen, wenn auch etwas trocken geratenen Rumwaffeln, die der Chefin Mutter uns zur Wegzehrung mitgegeben hatte, lachten wie die Vollidioten und fielen bald ins Koma.

Der Donnerstag begann natürlich viel zu früh, und so konnte ich gleich alle Anwesenden mit meinem weltschmerzigen Morgen-Ich bekannt machen. Miss Gonzo und Herr K., die sich längst als Eltern unserer kleinen dysfunktionalen Familie etabliert hatten, trafen die letzten Vorbereitungen vor dem Messe-Gong, während ich sinnlos herumstand und beim Aufhängen des Unsichtbar-Banners gnadenlos versagte, womit mein neuer Status als schlecht gelaunter Nichtsnutz wohl endgültig zementiert war.

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Der Messe-Gong war leider zu einem enttäuschenden Gedudel verkommen, was dem Moment, in dem sich die unheiligen Hallen den hereinströmenden Massen öffneten, jedoch kaum seinen Zauber nahm. Wir gaben uns Mühe, mit dem plötzlichen Vorhandensein von Menschen klarzukommen, und warteten sehnsüchtig bis panisch auf die Ankunft der frisch gedruckten Fledermausländer. Einige von uns aßen Bananen. Andere verzichteten.

 

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Als die Bücher ankamen, war ich gerade auf Toilette. Diesmal schaffte ich es nicht, schnell genug zu pinkeln, und kam somit zu spät zur Party. Außerdem gelang es mir, mein persönliches Fledermausland-Exemplar innerhalb weniger Minuten mittelmäßig zu zerstören. Aber das machte alles nichts. Ich war glücklich.

 

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Während die Damen und Herren Verleger die ersten Gäste am Stand begrüßten…

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…lümmelten die Autoren auf Bierkästen, blätterten stolz durch ihre Anthologien und nahmen weiter Platz weg.

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Zum Glück konnte ich zwischenzeitlich doch noch den Nutzen meiner Anwesenheit unter Beweis stellen, in dem ich Kaffeebecher mit aufmunternden Sprüchen beklebte:

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Irgendwann begab sich Frau Turini zu ihrem anderen Verlag und ich mich auf eine kleine Reise über das Messegelände, die mich an gar wundersamen und zum Teil auch erschreckenden Szenarien teilhaben ließ.

Unter anderem wohnte ich diesem enthusiastischen Zwiegespräch einer rüstigen Rentnerin mit einem Schwarzmagier in voller Dienstmontur bei. Ob er ein Kaninchen unter seinem Zylinder versteckt hatte, ist leider nicht abschließend geklärt. Aber ich sag euch, Kinder: So was gibt’s nur auf der Buchmesse.

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Der Trip durch Halle 5 erinnerte mich ein bisschen an das ziellose Wandeln durch marokkanische Gässchen, die einen verschlingen und dann irgendwo ausspucken, wo man niemals hinwollte. Nur Ich schwamm mit dem Strom und strandete ganz ohne mein Zutun mitten im „Karrieretag Buch + Medien“, wo Menschen auf Podien ganz unschöne Worte in den Mund nahmen, die mir den Spaß an Büchern garantiert auf allezeit verdorben hätten, wäre ich nicht umgehend geflüchtet.

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Ich suchte mein Heil in den Armen einer sündteuren Bockwurst. Ja, ich weiß, dass eine Bockwurst keine Arme hat! Ruhe da hinten! Jedenfalls bereute ich es sogleich. Memo an mich: Messe-Bockwurst lohnt sich nicht.

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Waghalsig, wie ich nun einmal bin, verließ ich Halle 5 und taumelte durch die immer wieder beeindruckenden Schleusen hinein in den Messewahnsinn.

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Ebenso wie die beknackte Bockwurst hinterließ auch dieser Ausflug zum Teil einen schalen Beigeschmack. Am Stand der Bundesregierung wurde allen Besuchern der unsägliche Wolf-Biermann-Auftritt aufgedrängt…

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…und daneben gemahnte der Stand der Arbeitsagentur daran, was junge Menschen so erwartet, wenn sie Geisteswissenschaften studieren und sich mit Kleinverlagen einlassen.

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Außerdem musste ich wieder einmal mit Entsetzen feststellen, wie viele verdammt hässliche und verdammt überflüssige Bücher so gedruckt werden, wenn der Tag lang ist und offenbar niemand richtig aufpasst. Bilder davon erspare ich euch großzügig – da müsst ihr halt ausnahmsweise mal eure Fantasie bemühen.

Entsprechend geschlaucht kehrte ich zum Stand zurück, der sich nach all dem großflächigen Grauen umso mehr nach zu Hause anfühlte. Eine Wohltat war dann das gemütliche Verweilen nach dem „Gong“ (Gedudel). Die feierabendliche Ruhe dauerte zwar nur so lange an, bis uns überaus unfreundliche Ordner des Hauses verwiesen, aber immerhin lange genug, um mich davon zu überzeugen, dass es doch noch gute Dinge auf der Welt gibt.

 

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Dass ich nach diesem Tag meine Rolle als Dorftrottel der Truppe ein für allemal weghatte und mich von den Damen und Herren Verlegern nach Strich und Faden veräppeln lassen musste, fand ich auf perfide Art und Weise beruhigend, denn immerhin hatte ich jetzt eine Aufgabe, und ich nahm sie gerne an.

Nachdem sich älteren Semester zur Bettruhe verabschiedet hatten, war ich grünschnäbelige Möchtegern-Autorin allein mit meiner allerersten echten Veröffentlichung und probierte aus, was man alles damit machen kann. Lesen ging besonders gut.

 

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Das Buch machte mir zwar auch ein bisschen Angst, aber wir hatten uns trotzdem ziemlich gern, und so nahm ich es schließlich mit ins Bett.

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Irgendwann in aller Herrgottsfrühe trudelte mit Stefan Gaffory ein weiterer gONZo-Autor in der Wohnung und machte uns alle wach, nur um selbst augenblicklich in einen unerschütterlichen Schlaf zu fallen. Man verzieh ihm schlussendlich, wenn auch zögerlich.

Am Freitag erwachten wir in einer Wohnung ohne Persönlicheit und ohne Kaffee, weshalb ich meine Morgenzigarette mit Orangensaft konsumieren musste, was mein Morgen-Ich nur mäßig zufriedenstellte.

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Der idyllische Blick vom Balkon auf die umgebenden Nachbarhäuser, deren Bewohner uns alle sicherlich schon von der Morgentoilette am vorhangslosen Badezimmerfenster kannten, stimmte mich zwar etwas milder…

 

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…aber Ästhetik ersetzt bekanntlich den Kaffee nicht. Daher machten Herr Gaffory und ich uns bald auf eine Odyssee durch ein eiskaltes Leipzig, das uns mit seiner Mischung aus DDR-Prachtbauten, grafittiertem Industriecharme und futuristischer Düsternis zu betören wusste. Vor allem das Design der U-Bahnhöfe, offenbar direkt aus Metropolis geklaut, beeindruckte nachhaltig.

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Auf der Messe kamen wir in die Verlegenheit, den Haupteingang zu benutzen, doch das war insgesamt gar nicht so schlimm wie zunächst befürchtet.

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Am Stand verfielen alle (pictured: Gaffory, Bernemann & Spies) sogleich in wichtige Geschäftsgespräche. Mama und Papa hatten aufgehört, mich zu ärgern, und waren plötzlich sehr nett zu mir, was mich zunächst ein wenig beunruhigte, aber schlussendlich doch ganz nett war.

 

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Ich trank vor lauter Freude literweise Kaffee und fotografierte mal wieder meinen Kaffeebecher, weil ich sonst ganz offensichtlich nichts Wichtigeres zu tun hatte.

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Aus reiner Langeweile mischte ich mich auf der gegenüberliegenden Leseinsel „Junge Verlage“, die ich Banause bisher hauptsächlich als weißes Rauschen und gelegentlichen Stichwortgeber für grenzdebile Gespräche wahrgenommen hatte, unter die Zuhörer. Hier lauschte ich einem netten Text übers Tanzen mit fremden Menschen, der mich kurzzeitig berührte, aber dann wieder verlor, als der Autor dazu überging, mit lustig verstellter Stimme skurrile Alltagsbeobachtungen wiederzugeben und damit irgendwie genau dasselbe machte wie alle anderen auch.

Ich ging zum Rauchen vor die Tür und wurde immer nervöser, da der Verlagsabend zusehends näher rückte. Das bedeutete, dass ich dann vermutlich selbst lesen und mich von anderen bewerten lassen musste, die wahrscheinlich mindestens ebenso selbstgerecht über mich urteilen würden wie ich über diesen armen Menschen auf der Leseinsel, der ja auch nur seinen Job machte, und überhaupt. Ich schlug das Buch auf, klappte es wieder zu und verzweifelte ein bisschen vor mich hin.

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Dann wurde es tatsächlich ernst, wie man auf diesem Beweisbild unschwer erkennen kann. Prophetisch nahm die John-Sinclair-Werbung in unserem Rücken den Verlauf des folgenden Abends vorweg.

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Auf dem Weg ins Schlechte Versteck verliefen wir uns nur beinahe, und das ist eigentlich schon ziemlich gut für ein paar planlose Chaoten! Turbulent ging es auch am Veranstaltungsort zu, der nur zwei Wochen vor unserer Ankunft von einem Säureanschlag heimgesucht worden war (wahrscheinlich hatten sich die Anschläger im Termin geirrt).

Auch sonst rannten wir ein wenig kopflos umher und waren wie immer hin und wieder kurz davor, die komplette Unternehmung zum Kentern zu bringen. Aber ohne gonzo kein gONZo, pflegte schon meine Urgroßmutter zu sagen. Und schlussendlich hatten wir dann doch so etwas wie eine Bühne und brachten so etwas wie eine Lesung zustande, und mehr konnte man ja nun wirklich nicht von uns verlangen.

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Pictured: Frau Turini in Aktion. Davor die Flasche Vodka, die mir im Laufe des Abends zum Verhängnis werden sollte und eine weiterführende Dokumentation der Ereignisse vollkommen undenkbar machte. Mein Text war wie erwartet viel zu lang, mein Vortrag zu schnell und insgesamt eher holprig, was natürlich einzig und allein den Lichtverhältnissen zuzuschreiben ist. Aber dafür war der Alkohol umsonst und ich den Rest des Abends über eine Granate aus Charme und Eloquenz, zumindest so weit ich mich erinnern kann.

Es wimmelte nur so von Autoren und Verlegern, die Gespräche über Autoren und Verleger führten. Außerdem waren sehr viele große, glatzköpfige Männer anwesend, etwa Jan Off, der extra für uns durch einen dunklen Wald gestiefelt war und den ich an diesem Abend eventuell möglicherweise endlich dazu bringen konnte, sich zu merken, wer ich bin. Das nennt man dann socializing. Man sieht: Ich habe das Prinzip Messe nachhaltig verinnerlicht und kann voller Stolz sagen, dass in jedem Fall irgendetwas passiert ist. So.

Trotzdem stellten sich meinem unverschämt schmerzenden Hirn am Morgen meiner Abfahrt noch jede Menge Fragen, zum Beispiel danach, wer wohl die letzten beiden Rumwaffelstücke essen würde. Diese Frage blieb bisher leider unbeantwortet.

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THE END.

(Ich mag offene Enden.)

Destination Fledermausland: Mit gONZo zur Leipziger Buchmesse

März 10, 2015

leipzig fledermauslandWe can’t stop here – this is bat country.

 

Jubeljubel freufreu, ich fahre endlich wieder mit dem besten Verlag der Welt, dem gONZo Verlag, auf die Leipziger Buchmesse! Halle 5, Stand C113 is the place to be.
Mensch, da werden Erinnerungen wach… Erstmals dabei war ich anno 2010 (!), damals noch als Praktikantin und Anhängsel.  Die meiste Zeit verbrachte ich damit, die Messebesucher durch das Tippen meiner Schreibmaschine anzulocken/zu verstören.
 
leipzig schreibmaschine
 
Und heute bin ich fast sowas Ähnliches wie Autorin. Sogar offiziell im Verzeichnis lieferbarer Bücher eingetragen! Und zwar dank der wunderbaren „Fledermausland“-Anthologie zu Ehren Hunter S. Thompsons, dessen Todestag sich nun zum zehnten Mal jährt und dem wir schon unsere Messe vor fünf Jahren widmeten, in visueller und sonstiger Form.
 

leipzig hunter hommageMit Verlegerin und zwei neuen Fans. Mehr Fotos bei gONZo.

 
So schließt sich also der Kreis. Am meisten freut mich, dass ich so live dabei sein werde, wenn wir das „Fledermausland“ aus seiner Verpackung befreien und voller Angst nach den unvermeidlichen Fehler suchen, die man trotz aller Sorgfalt am Ende doch übersehen hat. Der Nervenkitzel ist nicht zu überbieten – ich erinnere nur an #taschentuchgate2010.

Die Anthologie wird dann beim gemeinsamen Verlagsabend der beiden Print-Imperien gONZo und Unsichtbar Verlag am Freitag im Schlechten Versteck der Öffentlichkeit vorgestellt – und mit ihr auch mein darin enthaltener Text über mein neues Alter Ego Kozlowska, den ich dort zu verlesen gedenke.
 
cover fledermausland
 
Zu erstehen ist dieses wunderbare Buch dann auch bald im gONZo-Shop, den ich auch sonst allen eigensinnigen Literaturgourmets dieser Welt nur wärmstens empfehlen kann.
 
gonzo shop flyer
 
Mal sehen, was diesmal so passiert – wahnsinnig wird es aber ganz sicher. Bericht folgt! Kozlowska out.

Ein Lied #4: „Hit the City“, Mark Lanegan (2004)

März 5, 2015


 
Ein Lied wie ein Dieselmotor, das dich auch durch den trübsten Tag peitschen kann. Eins zum Losmachen, zum Aufbrechen, zum Straßenseite Wechseln und In Bewegung Bleiben. Das ganze Album ist Kaugummi, aber vor allem dieser Song bleibt kleben und du musst ihn sofort anmachen, wenn du Mark Lanegan nicht kennst! Ein Statement von einem Song, in dem zwei der kauzigsten Stimmen des Rock-Universums zu einer verschmelzen und mit dem immergleichen Schlagzeug davontreiben. Aus dem Haus, Kopfhörer auf, über die Straße, in die Bahn. Die Welt rast vorbei, aber du bist nicht allein, bist getragen vom immergleichen, perfekten Basslauf, der mit jeder Wiederholung neu im Magen rumort und den man vermisst, wenn er nicht mehr da ist. Nochmal hören. Sofort! Aus der Bahn, durch den Park, über die Straße, in die Stadt, auf dem Weg ins „promised land“ – I hit the city.

Minimalismus und Subjektivität in Jim Jarmuschs STRANGER THAN PARADISE (USA 1984)

März 4, 2015

ClevelandAbbildung 1

 

Weiter geht’s mit der Archivierung: Die folgende Arbeit entstand im selben Semester wie die zu THE PROPOSITION (jedoch unter wesentlich ärgerem Zeitdruck). Sie befasst sich mit Erzählformen und Erzählmodi in STRANGER THAN PARADISE und damit, wie ein extern fokalisierter Film dennoch subjektiv wirken kann. Dabei fröne ich im Detail meiner vermutlich ewigen Liebe zu Jarmusch ebenso wie meiner Begeisterung für drögen filmischen Minimalismus und subjektives Erzählen. Nachfolgend ein Exzerpt zur visuellen Gestaltung/Kameraarbeit; den Volltext gibt’s hier.

 


 

Auch in der diegetischen und visuellen Gestaltung seiner Erzählwelt bemüht sich Jarmusch um Reduktion ebenso wie Authentizität. Er besetzt Laiendarsteller und lässt seine wenigen Figuren in authentischen Interieurs agieren.1 Dabei nutzt er die Beschaffenheit der realen Umgebung in Kombination mit der Beschaffenheit des Bildmaterials und der Kamera, um Atmosphäre zu erzeugen. Besonders eindrücklich gelingt ihm das mit Willies Wohnung, das tatsächliche Appartement des Hauptdarstellers John Lurie, das vor allem in seiner Kargheit in Szene gesetzt wird, sodass vor allem die hohen weißen Wände sein Erscheinungsbild dominieren.

Erst die stets schwarz gekleidete Eva bringt wortwörtlich Farbe in diese Umgebung, wenn auch eine sehr düstere. Als sie die Wohnung bei ihrer Abreise wieder verlässt, mischt sich ihr Mantel mit der dunklen Farbe von Tür und Gang und kontrastiert die leeren weißen Wände. Mit ihrem Abschied und dem Schließen der schweren Wohnungstür, die wie eine Gefängnistür wirkt, verschwindet auch die Farbe aus dem Bild, und Willie ist umfangen von Nichts.2

 

evas abschiedAbb. 2

 

willie aloneAbb. 2.1

 

In ihrer nichtssagenden Leere korrespondieren die Wände mit der Schneewüste, die das Trio in Cleveland vorfindet (siehe Abb. 1): „You know, it’s funny – you come to some place new and everything looks just the same.“ (00:48:54) Auch in den Außendarstellungen lässt sich eine „Entleerung der Räume“4 beobachten, jedoch nicht so radikal wie bei Ozu, dessen Fotografien menschenleerer Orte als Zwischenbilder5 zu seinen Erkennungsmerkmalen gehören. In Stranger ist immer mindestens eine der drei Hauptfiguren mit im Bild, und die Menschenleere der Räume spiegelt ihren Gemütszustand wieder. Die Darstellung New Yorks beschränkt sich auf „Außenbezirke, die ein desaströses, postindustrielles Bild des Landes zeichnen“6 und weitgehend von Passanten befreit sind, etwa in der berühmten Parallelfahrt der Kamera, die Eva auf ihrem Weg durch leere, unwirtliche Straßen hin zu Willies Wohnort begleitet. Wichtig ist dabei aber nicht die Umgebung an sich, sondern das, was sie über Eva aussagt, wie sie sie beeinflusst und wie ihr Erscheinungsbild durch Evas Blick beeinflusst wird. Obschon Jarmusch stets zum Ziel hatte, „möglichst viel ‚Rohmaterial‘ einer ungeschönten Wirklichkeit in den Film zu transferieren“7, ist die Wahl der Schauplätze und ihre nahezu vollständige Befreiung von menschlichem Leben eine ästhetische Konstruktion, die sowohl dem minimalistischen Erzählen als auch der Charakterisierung der Figuren dient.

Selbiges trifft auch auf das grobkörnige, kontrastreiche Schwarz/Weiß-Filmmaterial hervor, das Jarmusch schon im Schreiben des Drehbuchs beeinflusste.8 Der Wegfall von Farbe reduziert die optischen Reize, mit denen sich der Rezipient beim Sehen befassen muss, und wird gezielt eingesetzt, um die Figuren und ihre Lebenssituation mithilfe einer Hell-Dunkel-Dichotomie näher zu charakterisieren.9 Um die ganz individuellen Qualitäten des eigenwilligen Filmmaterials noch zusätzlich zu betonen, experimentierten die Filmemacher auch mit der Lichtsetzung, verwendeten in beispielsweise in den Szenen am See in Cleveland und am Strand in Florida kein Fülllicht, „so dass die Aufnahme überstrahlt und ihre Tiefendimension entbehrt. In beiden Fällen stehen die Personen vor dem blanken Nichts.“10

Die Kameraarbeit ist von essenzieller Bedeutung für die Ausgestaltung jeglicher filmischen Erzählform: „Sie allein organisiert das Verhältnis des Erzählens zum Erzählten. Unterschiedliche Kamerastrategien bedeuten unterschiedliche erzählerische Strategien.“11 Im Minimalismus zeichnet sie sich gerade dadurch aus, dass sie sich als strategische Instanz zurücknimmt:

Das Maß künstlerischer und technischer Eingriffe wird auf ein Minimum reduziert. Filme dieser Art haben die Tendenz, zum Beispiel Kamerabewegungen oder Schnitt weitgehend oder ganz zu vermeiden. Außerdem tritt der Filmemacher oder die Filmemacherin in den Hintergrund und signalisiert im Film selbst so wenig Präsenz wie irgend möglich.12

Eine solche Reduktion von Kamerabewegung und Montage prägt auch den visuellen Erzählstil in Stranger Than Paradise – der Film besteht aus 67 Plansequenzen13, die eine häufig statische Kamera aus einer gewissen Distanz14, vorwiegend in Halbtotalen, mit einem registrierenden Gestus aufnimmt. Dabei vermeidet sie extreme Perspektiven15, arbeitet jedoch gelegentlich mit leichten Unter- und Aufsichten, mit Variationen von Nähe und Distanz. Anders als die konventionelle Hollywood-Kamera, die sich an die Figuren heftet und im Geschehen verschwindet, den natürlichen Blick des Zuschauers nachahmend, ist sie sowohl von der Figur als auch dem Zuschauerblick unabhängig – sie wählt einen Bildausschnitt und bleibt dabei, überlässt es den Figuren, wie sie sich im Raum positionieren, ob sie im Bildkader bleiben oder sich daraus entfernen. Als es sich die drei Protagonisten beispielsweise im Motel in Florida gemütlich machen, scheint der Fokus der Kamera auf das Fenster gerichtet, die Figuren sind nur wie „zufällig“ im Bild. Eva verschwindet fast in der Ecke des Bildkaders, und auch der eigentlichen Handlung (Eddie klappt das Bett aus) lässt die Kamera keine besondere Aufmerksamkeit zukommen.16

 

kamera motelAbb. 3

 

Ebenso wenig kommt sie dem Zuschauer entgegen. Im Auto etwa muss er auf der Rückbank bleiben, auch wenn es ihm intuitiver erscheinen mag, die Perspektive zu wechseln. – die Kamera verwehrt ihm den Blick auf die Gesichter der sich im Gespräch befindenden Figuren.

 

Kamera RücksitzAbb. 4

 

Gleichzeitig löst sie sich so gut wie nie von den Protagonisten, wirkt wie ein eigensinniger, distanzierter Begleiter ihrer Abenteuer.

Ihre Starrheit und der Verzicht auf Schnitte in den Szenen ermöglicht dem Zuschauer einerseits eine größere Eigenständigkeit, die Freiheit, selbst zu entscheiden, wohin er seinen Blick im Bildkader lenken will; andererseits erlegt sie ihm durch die rigide Auswahl eines oft unveränderlichen Bildausschnitts größere Restriktionen auf. Fürderhin macht sich die zurückgenommene Kamera paradoxerweise gerade durch den Bruch mit üblichen Konventionen des filmischen Blicks stärker bemerkbar, ist also genaugenommen nicht weniger präsent, als es eine bewegte, fluide Kamera wäre. […]

 

1Vgl Mauer, Minimalismus, S. 187; Grob/Kiefer [u.a.], S. 22

2Auch Mauer spricht von einer Gefängnissituation, vgl. Minimalismus, S. 47

3„Entleerung des Bildes“, ebd. S. 199

4Grob/Kiefer [u.a.], S. 22

5Grob/Prinzler, Ozu, S. 69

6Mauer, Minimalismus, S. 187

7Ebd.

8Vgl. Mauer, Jarmusch, S. 48

9Siehe Abb. 1 – 2.1, S. 1/6/7

10Mauer, Minimalismus, S. 199

11Grob, Kamera, S. 140

12Grob/Kiefer [u.a.], S. 14

13„Montage auf ein Minimum reduziert“, Mauer, Minimalismus, S. 188

14distanzierte Einstellungsgrößen (Total, halbtotal, halbnah)“, Grob/Kiefer [u.a.], S. 22

15Ebd.

16Abb 3, Anhang S. 19

Krieg im Paradies: TOP OF THE LAKE (2013, Jane Campion)

Februar 24, 2015

top of the lake GJ LandschaftIm Paradies.

Natürlich hat der Winter auch sein Gutes. Statt Winterschlaf frönt der postmoderne Mensch, eingeigelt in seiner komfortablen Menschenhöhle, der jüngst wissenschaftlich zertifizierten Seriensucht. Auch ich gehöre zu den Willensschwachen und bringe nur selten genug Selbstdisziplin auf, um Netflix davon abzuhalten, die nächste Folge zu spielen. Mit Blick auf ein mögliches Masterarbeitsthema führte ich mir einige neue Serien zu Gemüte, die sich um weibliche Protagonisten drehen und die den inneren Konflikt der weiblichen Figur in einer männlich dominierten Welt direkt oder indirekt thematisieren, darunter Orphan Black, Agent Carter oder Parks & Recreation – allesamt Werke, für die sich das Verschwenden potenziell konstruktiver Lebenszeit vollkommen lohnt und die ich dem geneigten Leser am liebsten alle auf einmal wärmstens ans Herz legen möchte.

Beginnen will ich mit Jane Campions TOP OF THE LAKE, das mich vielleicht am Nachhaltigsten beeindruckt hat, weil darin so vieles wie für mich geschnitzt scheint – allem voran die Landschaft und ihre narrativen Qualitäten sowie Figuren, die immer mehr sind als das, was sie selbst zu sein glauben.

tui seeIm See.

Nicht nur atmosphärisch erinnerte mich die Serie an einen meiner Lieblingsromane, das magisch-realistische Islandmärchen Am Gletscher von Halldór Laxness. Auch hier kommt ein Außenstehender in ein von Wildnis umgebenes Kaff und versucht, die Wahrheit herauszufinden über etwas, das sich in seiner Gänze unmöglich ergründen lässt. Was bei Laxness der Gletscher ist, ist in Campions als Miniserie angelegtem Sechsteiler (oder Siebenteiler, je nach Fassung) der See in der schroffen Ödnis Neuseelands, in dem sich die schwangere Zwölfjährige Tui zu Beginn zu ertränken sucht. Er ist kein Quell des Übernatürlichen, sondern im Gegenteil einer tief in der Natur und in der Natur des Menschen verwurzelten Mystik, die in der Serie ständig spürbar ist, ohne sich offen erkenntlich zu machen. Um diesen See und dieses unglaublich zähe kleine Mädchen spinnt sich eine Geschichte von Suche und Flucht, Macht und Gegenwehr, die die Protagonistin Robin (Elizabeth Moss), wie eingangs prophezeit, in die Knie zwingt.

top of the Lake Robin NebelIm Nebel.

Robin steht in der langen Tradition fiktionaler Ermittler, die sich obsessiv in einen Kriminalfall hineinsteigern, bis von ihnen selbst so gut wie nichts mehr übrig ist. Die klassische „Wall of clues“, auf der sich die Obsession der Kriminalisten in Form von Zeitungsausschnitten und Verbindungslinien gemeinhin visualisiert, kommt jedoch in diesem Fall kaum über ein Foto der verschwundenen Tui hinaus und schrumpft sogar, je tiefer sie sich in den Fall verstrickt.

top of the lake obsession wall 2

An Moss‘ Rolle lässt sich festmachen, wie die Serie den Konventionen des Crime/Mystery-Genres kontinuierlich Steine in den Weg legt. Ihr verzweifeltes Streben nach Erkenntnis wird von einem immer dichter werdenden Nebel erschwert, und sogar die guten Geister der Geschichte tragen nicht viel dazu bei, dass sich der Nebel lichtet. Als Frau, die sich auf Gewalt an Kindern spezialisiert hat, wird sie in der männerdominierten Provinzpolizei nicht ernst genommen, und als Außenstehende dringt sie wie ein Fremdkörper störend in das geschlossene System ein, das sich in der archaischen Frontier-Gemeinschaft rund um den See gebildet hat.

Mit Bravour verkörpert Elizabeth Moss eine Figur, die an diesen schier unüberwindlichen Grenzen zu verzweifeln droht und sich trotzdem immer wieder dem Kampf stellt, auch wenn sie dabei viele Kratzer und blaue Flecken einstecken muss. Es ist erfrischend, dass sie als weibliche Ermittlerfigur sich dem Zuschauer nicht durch Kompetenz und Stärke beweisen muss (ein Ansatz, den beispielsweise Agent Carter in seiner besten Form zur Perfektion bringt), sondern in ihrem rohen, verletzlichen Menschsein belassen wird, die viel Raum für erzählerische Nuancen bietet.

 

top of the lake robin nah

Das metaphyische Machtgeflecht, das Campion und Co-Autor Gerard Lee um den roten Strang dieser düsteren Kriminalgeschichte strickten, faszinierte mich persönlich jedoch noch weit mehr als der Hauptplot selbst. Anhand zweier wunderbar exzentrischer Figuren, die wie für mich geschaffen scheinen, wird die Dichotomie der Geschlechter selbst zum Erzählgegenstand. Das patriarchale Prinzip verkörpert Matt Mitcham (großartig und nuanciert: Peter Mullan), Tuis Vater, Alpha-Mann der Kleinstadt und Hauptverdächtiger in Robins Ermittlungen, der nicht nur seine „Familie“ von Kleinkriminellen und Ausweglosen, sondern auch die Polizei nach seinem Befehl handeln lässt. Wie die unzähligen Hunde, die er auf seinem Anwesen mitten in der Wildnis hält, behandelt er auch die Menschen um sich herum – fähig zu obsessiver Zuneigung ebenso wie zu fatalen, unberechenbaren Gewalteruptionen.

Während Matt sich durch Angst Loyalitäten sichert, verheißt sein weiblicher Konterpart den ausgestoßenen Zivilisationsflüchtlingen eine Chance auf Heilung. Holly Hunter brilliert in grauer Perrücke als kühler New-Age-Guru GJ, die selbst weder auf Loyalitäten aus ist noch Hilfe verspricht, sondern im Grunde einfach nur da ist. Die beiden Charaktere sind einander diametral gegenübergesetzt und spiegeln einander gleichzeitig nicht nur im Äußeren.

Top of the Lake GJ dog Top of the Lake Matt hundZwei Welten. Ein Hund.

Matts ständiges manisches Streben ist angereichert mit Amphetamin und viel mehr erbarmungswürdiger Menschlichkeit, als man sie einer solchen bisweilen verabscheuungswürdigen Figur zugestehen will; GJ dagegen wirkt stets vollkommen indifferent, lässt weder den Zuschauer noch die übrigen Charaktere an sich heran und bleibt ein Mysterium, eine spröde Schimäre, die eigentlich nichts will, aber am Ende doch nicht weniger alles. Ihr Konflikt ist der Kampf von Matriarchat und Patriarchat um das Paradies – so heißt nicht nur das Landstück, das zwischen den Parteien einen bitteren Zwist entfacht. Die wenigen gemeinsamen Szenen der beiden fühlen sich an wie das Aufeinandertreffen zweier Naturgewalten.

top of the lake GJ Matt

Die Natur, um die sie streiten, lässt sich dabei weder dem weiblichen noch dem männlichen Prinzip unterordnen. Den Menschen bedeutet sie Bedrohung ebenso wie Schutz, Hoffnungsschimmer ebenso wie Verdammnis, und sie ist trotzdem mehr als nur der Austragungsort menschlicher Tragödien. TOP OF THE LAKE zeigt die neuseeländische Landschaft in erstickend schönen, tristen Bildern, gespickt mit einsamen Gitarrenklängen und kraftvoller Melancholie – ein Sehnsuchtsort, der nicht daran denkt, irgendwelche Sehnsüchte zu erfüllen. Wie Laxness‘ Gletscher oder die Canyons des Wilden Westens bleibt auch die Wildnis rund um den See den humanen Querelen gegenüber so gleichgültig, wie es sich für eine Wildnis nun einmal gehört.

top of the lake landschaft