Belegexemplare für Wecker. Konstantin Wecker & Band, 22.03.15, Rheingoldhalle Mainz

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Und wieder einmal war ich mit Miss Gonzo unterwegs. Diesmal verschlug es uns in die Rheingoldhalle, einem Ort, den man nur aufsucht, wenn es denn unbedingt sein muss oder wenn man Freikarten bekommt. Gestern war beides der Fall. Wir abgebrühten Schweinehunde vom gONZo-Verlag mussten Konstantin Wecker schließlich seine Belegexemlare vom Fledermausland aushändigen, der bereits erwähnten Thompson-Anthologie, die neben dem seinen übrigens auch einen Text von mir enthält (ich wollte es nur nochmal betonen). Das taten wir dann auch, ließen uns aber erst noch was vorsingen.

Ich habe Wecker zum ersten Mal vor etwa anderthalb Jahren im Unterhaus gesehen (und darüber auch einen Text geschrieben, den ich leider nicht verlinken kann. Damn you, Rhein-Zeitung.) Damals in der Kleinkunstversion mit Jo Barnikel am zweiten Klavier, jetzt mit Band. Es birgt immer ein gewisses Risiko, wenn Liedermacher ihre Stücke mit zu vielen Instrumenten aufblasen, aber in dem Fall funktionierte das meist außerordentlich gut – vor allem das Schlagzeug und Cello brachten alten Liedern neue Durchschlagkraft.

 

 

Wecker eröffnete das Konzert ganz grandios und allein am Klavier mit dem „Willi“. Dass der Willi gar nicht wirklich tot ist, sondern angeblich vorne am Merch-Stand CDs verkaufte, nahm der Geschichte nichts von ihrer Dringlichkeit. Sofort war ich so richtig drin in der Wecker-Welt und begab mich mit auf eine Reise durch 40 Jahre deutsche Geschichte und deutsche Gegenkultur.

Natürlich ließ der Mann sich zu seinem Bühnenjubiläum gebührend feiern, wie es sich für eine egomanische Rampensau gehört, aber zumeist blickte er, wie es sich für einen weisen Alten gehört, mit gelassener Einsicht auf die eigene Laufbahn. Die Anekdoten um seinen sanften, pazifistischen Vater spiegelten die Väterlichkeit, mit der er sein junges Selbst durch die Lieder wandeln ließ, die ihn zur musikalischen Autorität gemacht haben.

Wütend bleibt er auch im hohen Alter, und das macht Hoffnung. Immer noch haben seine gesellschaftskritischen Gedichte einen enormen Wumms, wenn sie auch heute nicht mehr vor langbärten Hippies vorgetragen werden, sondern vor bildungsbürgerlichem Rheingoldhallen-Publikum, das zumeist sehr still auf seinen Stühlen saß. Vor allem die erste Hälfte, die deutlich politischer war, hatte einen enormen Zug und beeindruckte mich Zuspätgeborene unter anderem mit diesem sehr brechtschen Song, der PEGIDA auf den Leib geschrieben sein könnte:
 

(Was ist das eigentlich für ein verkokstes Standbild? Herrlich.)

 

Nach der Pause wurde es ein wenig introspektiver, mit mehr Liebesliedern und Gedanken ums Älterwerden und um Abschiede, aber auch mit furiosen Jamsessions und ausgedehnten Ausflügen in Jazz, Blues und Klassik. Über drei Stunden lang ging es im Schweinsgalopp durch alle Emotionen, die an einem Liederabend so im Publikum geweckt werden können, Gänsekopfhaut und erschütterte Tränchen inklusive. Solchermaßen mitgerissen rafften sich dann auch die sitzenden Massen zur Zugabe aus ihren Stühlen, als seien sie endlich zum Leben erwacht.

 

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