„Die Band heißt Kreisky“ – 23.10.14, Mousonturm/Frankfurt

kreisky 2Fotos von Moritz Arndt

„Die Band heißt Kreisky“, informiert Franz Adrian Wenzel, so als wüsste hier tatsächlich irgendwer nicht Bescheid. Er sitzt am Keyboard, pardon, der Orgel, der er ein paar abscheuliche Töne entlockt, und trägt dabei seine charakteristische miesepetrige Ernsthaftigkeit in seinen Zügen, die er auch beim Rezitieren der hirnrissigsten Textzeilen nie ablegt. Es juckt Herrn Wenzel auch nicht im Geringsten, dass das kabuffige Studio 1 im Obergeschoss des Mousonturms kaum besser gefüllt ist als bei ihrem letzten Besuch vor einem Jahr. „Es muss ja nicht immer Wachstum geben“, bemerkt er weise.

Nachdem ich beim letzten Mal krankheitsbedingt verendet, pardon, verhindert gewesen war, kam ich nun also in den Genuss, den Austrofred und seine wackeren Kumpanen Gregor Tischberger (Bass), Martin Max Offenhuber (Gitarre) und Klaus Mitter (Schlagzeug) an Ort und Stelle und bei gleichbleibend bescheidener Raumbefüllung zu erleben – ganz so, als ob es das vergangene Jahr nie gegeben hätte, was auch aus mancherlei anderen Gründen eine ganz ansprechende Vorstellung ist. Und obwohl die mit Abstand schönste Boyband Österreichs schon damals ein umfangreicheres Publikum redlich verdient gehabt hätten, ist es so doch ganz recht, da hat man wenigstens vor der Bühne genug Platz, um sich so richtig zum Idioten zu machen (manche mehr, manche weniger).

kreisky 3Er weniger. Stattdessen: Pure Eleganz.

Unwürdig unterhalten wurden die erlesenen Anwesenden sicher nicht, würde ich jetzt gerne schreiben, wenn der Satz nicht eine lächerlich offensichtliche Anspielung auf den ersten Song des Abends enthielte. Dieser ist auch der Opener der aktuellen Platte „Blick auf die Alpen“, welche uns die wackere Truppe in ihrer Gänze darbot. Zur hellen Freude aller Anwesenden, möchte ich annehmen, denn das Album ist hervorragend und kann einem gar nicht oft genug um die Ohren gehauen werden. Was das überhaupt sein soll, wollen Sie jetzt wissen? Das kann ich ihnen sagen: Kreisky halt. Konzentrierte Kompromisslosigkeit, die sich sehr darin gefällt, auf die Nerven zu gehen, und es dabei trotzdem schafft, exorbitant gut zu klingen. Ziemlicher Krach also, und ein bitterböser Heidenspaß, der hier und da nervöse Zuckungen verursacht.

Für die ersten so richtig geistesgestörten Bewegungseruptionen im Saale sorgt „Selbe Stadt, Anderer Planet“, Hymne der berufsmäßigen Spätaufsteher, die einen zugleich euphorisiert das eigene verpennte Spiegelbild betrachten lässt wie auch auf leisen Sohlen an die eigene und allumfassende Erbärmlichkeit erinnert. Wie man sich also denken kann, hatten alle Kinder ganz viel Spaß und klatschten begeistert im Takt. Nachdem der Herr Wenzel sie mit sanftem Nachdruck dazu bewegen konnte, ein paar Schritte vorwärts zu unternehmen, wirkte die ganze Chose dann auch nicht mehr so verkrampft und man konnte sich endlich ein wenig entspannen. Na gut, der Dreieinhalb-Personen-Pogo, dessen Expansion leider kläglich scheiterte, war dann doch voll peinlich. Auch unser keuchendes Schnaufen im Mikrofon, dass uns der Herr Wenzel bei „Scheiße, Schauspieler“ ungefragt unter die Nase hielt: sooo peinlich. Aber irgendwie halt auch geil. A propos geil: Herr Wenzel, diese nihilistische Rampensau, zog das Mikrofonkabel quer durch den Raum, ohne einen Kabelträger dabeizuhaben! Das war tatsächlich sehr wagemutig von ihm. Wie auch die übrigen Kappellenmitgleider zeigte er reichlich Engagement, was das überwiegend schwitzende Publikum mit einem ganz schön großen Applaus quittierte. Ja, ich gebe zu, der Text entgleitet mir langsam, aber das muss man doch verstehen: ich habe in den letzten beiden Nächten nicht viel geschlafen, dafür aber lange, und dann waren da auch noch diese Tage dazwischen.

Dazwischen dieser Dialog (Trialog?):

Herr Wenzel: „Fragen?“

Jemand: „nuschelnuschel Nino aus Wien?

Herr Wenzel: „???“

Jemand: „Kennt ihr Nino aus Wien?“

Herr Wenzel: „…“

Gregor: „Also, das war wirklich eine dumme Frage. Keine Frage, für die du verprügelt wirst, aber schon eine sehr dumme Frage.“

Die meisten übrigen Anwesenden: Hihihihi.

kreisky 4
Irgendwann ist da jedenfalls auch noch „Rinderhälften“ mit dem besten, fiesesten Basslauf der jüngeren, ach, was sage ich, der kompletten Musikgeschichte, mit einer speziell kaputten Gitarre und, auf lyrischer Ebene, die miesepetrigste Sinnsuche in der Geschichte von überhaupt allem. Und natürlich die ganzen alten Topschlager, natürlich nur die nicht, die man unbedingt hören wollte, alles andere wäre ja auch eine herbe Enttäuschung gewesen. Jedenfalls viel Schweinerock, soundgewordene Misanthropie und obenauf eine weithin unerreichte lyrische Brillianz. Ich weiß, das klingt jetzt ein wenig ironisch, aber ist es gar nicht. Wenn du mein Wenzel-Gedächtnis-Gesicht jetzt sehen könntest, wüsstest du, dass ich es todernst meine.

kreisky1
Aber natürlich musste auch dieses wundersame Konzert irgendwann einmal vorbei gehen, denn wie heißt es so schön? Genau. Außerdem mussten wir alle zum Zug, denn ab einse streikten die Bahner und wir konnten ja schlecht in Frankfurt bleiben, das hielt ja kein Mensch lange aus. Vorher aber gab uns der Herr Wenzel noch nützliche Ratschläge mit auf den Weg („Oh, du hast ein großes Glied/Das darfst du aber nicht in den Mund nehmen“), und die Musikgruppe bot uns im musikalischen Epos „Todesstern“ die herzerfrischende Antithese zu Grönemeyers „Die Erde ist freundlich“-Gesäusel dar, die in elegischen Instrumentalien ihren Ausklang fand. Dann verkaufte er mir die Platte und ein T-Shirt mit einer lustigen Aufschrift und gab mir mit seinen engelsgleichen Fingern vier Euro Rückgeld. Ich habe mir vorgenommen, die vier Euro nie mehr zu waschen.

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