Jarmusch + Vampire!! – ONLY LOVERS LEFT ALIVE (2013)

tom und tilda


Vom ersten Rotieren der Schallplatte an hatte er mich hypnotisiert, dieser Film, hatte mich zwei Stunden lang komplett in seinen Bann gezogen und entließ mich aus dem Kinosaal in einem beseelten Taumel. Zurück blieb diese verzückten Verzweiflung, die man empfindet, wenn jemand genau das gemacht hat, was man eigentlich am liebsten hätte selbst machen wollen, und das Ergebnis in seiner atemberaubenden Schönheit die eigene Existenz für einen genüsslich quälenden Moment lang obsolet macht. Die Prämisse von Only Lovers Left Alive – Jim Jarmusch und Vampire! – klang von Anfang an verdammt verheißungsvoll für jemanden wie mich, die ich sämtliche Jarmusch-Filme mit ähnlichem Genuss verschlungen habe wie Buffy oder True Blood. Trotz aller Bemühungen waren die Erwartungen also hoch. Aber da ich selbst Limits Of Control (2009) gerne mochte – und den mochte scheinbar niemand – war ich mir ziemlich sicher, nicht enttäuscht zu werden. Wurde ich auch nicht.

Adam und Eve, die beiden bluttrinkenden Protagonisten, sind nämlich essenzielle Jarmusch-Geschöpfe, die seine Motive mit extremer Konsequenz verkörpern. Sein Werk beschreibt, wenn man es auf einen Satz herunterbrechen will, das Wandeln zielloser Fremder, die von außen einen Blick auf die Welt werfen, die sie umgibt, und sie dem Zuschauer in einem neuen Licht erscheinen lassen. Indem er aus der Sicht zweier Vampire erzählt, wählt er die radikalste aller Außenseiterperspektiven – den Blick der nichtmenschlichen Geschöpfe auf die Menschheit, immer gefiltert durch Jahrhunderte von Erfahrung, die ihnen eine Lässigkeit verleiht, die für sonst in erster Linie triebgesteuerten Vampire extrem untypisch ist, für Jarmusch aber ganz und gar zentral.

Aus dem reichen Fundus des oft variierten Vampir-Mythos pickt sich der Autor genau die Aspekte heraus, die am besten zu ihm passen auch auf mich die größte Faszination ausüben. Von all dem Vampircontent, den ich mir in den vergangenen Jahren so zugeführt habe, gelingt es Jarmusch am besten, auf herrlich undramatische Weise diskutieren, was es bedeuten kann, so verdammt lange zu leben. Während in Eves Denken der ständige Zyklus von Werden und Vergehen Gelassenheit Einzug halten lässt und ihre sanfte, genügsame Freude am Leben ihr Wesen dominiert, ist er dem melancholischen Romantiker Adam eine Bürde, die zu tragen ihn müde macht. Seine Enttäuschung über die Menschen, die für ihn Zombies sind, und die planlose Zerstörung ihrer Umwelt wie auch ihrer kulturellen Errungenschaften bringt die Handlung ins Rollen und Eve von Tangier nach Detroit, um ihrem ewigen Geliebten mit der ihr eigenen Besonnenheit wieder auf die Beine zu helfen. Wie immer sind die Städte dabei mehr als Illustration, weil sie die Stimmung der Figuren und des Films nicht nur spiegeln, sondern auch prägen. Kaum etwas zeigt Adams gegenwärtigen Geisteszustand besser als die gemeinsame Autofahrt durch das zerfallende Detroit, das wie er am Boden ist, und nichts beschreibt Eves Charakter besser als ihre Einschätzung, dass die Stadt wieder aufblühen wird, weil sie am Wasser liegt – es sei nur eine Frage der Zeit.

Das Wunderbarste an Only Lovers Left Alive ist eben diese Darstellung von Zeit in der Beziehung der beiden Figuren, die ihre Liebe füreinander so lange bewahrt haben, dass sie zu einer zärtlichen Selbstverständlichkeit geworden ist, ohne die keiner der beiden existieren könnte. Jede Interaktion der beiden birgt beiläufige Alltäglichkeit, und gleichzeitig ist da dieses profunde gegenseitige Verständnis, das nur selten an seine Grenzen gerät. Meinungsverschiedenheiten gibt es durchaus, aber sie wirken nie so groß, als dass sie nicht überwunden werden könnten. Ihre Lang-Langzeitbeziehung wird im Kleinen am besten charakterisiert: Wie Eve ausgehen und Adam daheimbleiben möchte, wie sie dem menschenscheuen Adam in der Bar schützend den Arm um die Schultern legt, wie die beiden zusammen im Bett liegen, so schön lethargisch ineinander verknotet, miteinander verwachsen.

Daneben nutzt Jarmusch dieses Grundprinzip jeder Vampirmythologie selbstredend als Spielwiese für Verweise und Zitate, vor allem musikalischer und literarischer Natur. Auch deshalb sind Vampire so postmoderne Jarmusch-Kreaturen, weil sie mit Byron rumgehangen und Symphonien geschrieben haben können, so der Autor es denn möchte. Ihre Lebenserfahrung ist auch eine Collage aus Kultur, Fetisch und Trivia-Wissen; sie sind der Traum eines jeden Schreiberlings, der Bock drauf hat, seine Figuren mit der Literaturgeschichte zu verweben oder gleich jemanden wie Marlowe selbst auftreten zu lassen (und dann auch noch verkörpert von John fucking Hurt!). Entsprechend leichtfüßig und augenzwinkernd spielt Jarmusch dann auch mit der Prämisse seines Films, ohne sie aber jemals ins Lächerliche zu ziehen oder die Figuren aus den Augen zu verlieren.

Die Figuren und ihr Charisma stehen stets im Zentrum des Films, der um sie rotiert wie die Schallplatte in der Eröffnungssequenz. Tilda Swinton und Tom Hiddleston als Adam und Eve sie sind wirklich zwei wunderschöne Wesen, an denen man sich kaum sattsehen kann, wie sie durch diese gespenstischen Städte wandeln. Ihr visuell perfekt eingefangenes Charisma steht im Zentrum einer irgendwie jarmusch-typischen und irgendwie doch wieder eigenen Kinematografie und den poetisch-realistischen Momentaufnahmen aus dem Habitat der Figuren, ihrer Städte und ihrer Wohnungen, mit denen sie in dynamischer Wechselwirkung stehen. Ich persönlich wäre gern sofort in Adams Haus in Detroit eingezogen, mit seinem verstaubten Equipment und seinen retrofuturistischen Spielereien. Ich wäre gern sofort in diesen Film eingezogen, und zwar für immer.

Nachdem ich die darauf folgende Woche mit Stranger than Paradise (1986), Down By Law (1984) und Tom Waits‘ Rain Dogs verbracht habe, ist mir umso klarer, dass es wohl nach wie vor keinen anderen Regisseur gibt, der mir so nahe liegt: Mit seinen Figuren, seinen Schauplätzen und seiner affirmativen und freimütigen Art, damit umzugehen, selbst in der trockensten Erzählung; mit seiner Musik und seinen Bildern. Eigentlich ist Only Lovers Left Alive genau das, was ich auch gern machen würde, wenn man mir zwei Vampire zum Spielen in die Finger drücken würde. Und wenn ich Jarmusch wäre. Mann, wäre ich gern Jarmusch.

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