Ein Lied #2: „Creation“, Emmy the Great (2011)


Es fühlt sich immer noch frisch an. Gerade habe ich eine Geschichte zu Ende geschrieben, oder besser: Die Figuren, die mich über Jahre hinweg auf Schritt und Tritt begleitet haben, zum Ende ihre Geschichte geführt. Obwohl ich mittlerweile längst wieder zum Anfang zurückgekehrt bin und dort zaghaft mit dem Umschreiben begonnen habe, trage ich immer noch Trauer für die, die ich verloren habe, und denke mit zärtlicher Wehmut an die, die noch so viel Schönes und Schreckliches vor sich haben in ihrem Leben, das weit über die Seiten des Manuskripts hinausgeht. In diesem Zustand ist es kein Wunder, dass mich dieser Song so nachhaltig berührt hat, denn ich kenne kein Lied, das die Beziehung eines Autoren zu seiner Schöpfung treffender und poetischer auf den Punkt bringt als Emmy the Greats „Creation“.

Eigentlich braucht Musik wie die der Londoner Songwriterin bei mir immer weit mehr als einen Durchlauf, und selbst dann hat sie es schwer, weil sie zu niedlich ist, zu lieb und zu subtil. Mit „Creation“ aber hat die Dame mit ihrer melancholisch-zarten Stimme, die so schön im Kontrast zu ihrem megalomanischen Pseudonym steht, von der ersten Zeile an sehr deutlich zu mir gesprochen und mir keine Wahl gelassen, als richtig zuzuhören.

And then the child becomes the warrior

And you’re the worrier, so worry over it

Denn was ist der Autor fiktionaler Welten anderes als ein bedenkentragendes Elternteil, dazu verflucht, sich ständig Sorgen zu machen über das, was er in seinem Kopf erschaffen hat, und was sonst als diese Sorge treibt einen zum Schreiben an? Zugleich unterstreicht schon dieser Einstieg die unheimliche Machtlosigkeit, die man als scheinbarer Herr seiner Schöpfung viel öfter empfindet, als einem lieb sein kann. Bei aller Planung, bei aller sorgfältigen Ideenaussiebung ist man am Ende doch viel öfter aufs Sorgenmachen beschränkt und dem literarischen Zufall unterlegen, gerade dann, wenn es um die eigenen Figuren geht.

And to the action comes a character

And he reveals a wish to see himself in ink so

you take a pen, you write a list called all the stages that the world begins

Nicht der Autor entscheidet, welche Geschichte erzählt wird – stattdessen sind die Figuren einfach da und stellen Forderungen, fordern einen Erzähler und eine Erzählung und wollen wissen, wofür sie überhaupt da sind. Und man selbst kann nur noch den Stift aufnehmen und die Geschichten erzählen, die erzählt werden wollen. Gleichzeitig bleibt man Herr der Welt, die man um seine Figuren herum erschafft, und man lenkt ihre Geschichten dorthin, wo sie hingehören. Der Autor begleitet den Werdegang seiner Figuren wie ein Dirigent, lässt sie mal langsam fließen und zieht dann plötzlich das Tempo an, und dabei ist er manchmal wohlwollend und manchmal so grausam, dass es ihm ins eigene Fleisch schneidet.

To make him grow you give him barriers

To make him grow you give him barriers to fail

Vor allem bringt Emmy the Great in diesem Song, der auf dem Album Virtue entschieden heraussticht, eines zum Ausdruck: Wie real sich das anfühlt, was man sich da in seinem Kopf zusammengrübelt, so real, dass es fast schon an Schizophrenie grenzt und einem regelrecht Angst macht. Die Gefühle, die man empfindet, wenn man eine Figur zum Ende ihrer Geschichte führt, sind keine Als-Ob-Gefühle, sondern wirklich und wahrhaftig vorhanden – und wenn man so fühlt, hat man die Chance, tatsächlich Leben zu erschaffen, Leben aus Papier und Tinte, das immer irgendwie flüchtig ist und einem nie völlig gehorcht, das dem Autoren dennoch alles zu verdanken hat – und umgekehrt.

You give him reason for believing

That he’s in

Some creation

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