Folklore plus/minus

Freitag auf dem Folklore-Festival in Wiesbaden.

Wasserturm gespiegeltImmer wieder schön: Der bunte Wasserturm.

Plus: Festival! Wenn auch ohne Zelten, wenn auch nur für einen Tag. Für mich vielleicht der letzte Musikgenuss im Freien für dieses Jahr, und das sollte man auskosten.

Minus: Zum Auskosten bin ich eigentlich viel zu wechselhaft gelaunt. Ich strolche alleine über das Gelände, das mit jedem Jahr größer und belebter zu werden scheint – mein Freund ist gerade Suchtberatungspraktikant und muss „Präsenz zeigen“, ich habe eine kleine misanthrope Phase und verliere die wenigen Menschen, die ich wirklich sehen will, in den zwischen den Bühnen hin- und her strebenden Massen.

Plus: Finde jene Menschen vor der kleinen Bühne bei Tempest Man wieder und lasse mich von ihrer guten Laune anstecken. Mit der Laune steigt die Vorfreude.

Plus: Mein erstes und einziges Mal Turbostaat für diesen Sommer. Erst hinten, dann ganz vorn, wo die Menschen toben und grölen und Punkrock sind – da vorne fühle ich mich zuhause an diesem Abend, fühle mich auch ein bisschen Punkrock, und das tut verdammt gut.

Plus: Der allzeit stoische Gitarrenmann Rotze und seine Moskau-Mütze. Wunderbar anzuschaun.

20130823_213521Da niemand Leute mag, die während des Konzerts Handybilder machen, mach ich ab jetzt nur noch nach dem Konzert welche. So welche.

Minus: Völlig dehydriert geht’s ohne Pause zu Tocotronic. Mein Körper schwindelt und schreit nach Wasser. Plötzlich bin ich wieder allein. Siedend heiß fällt mir ein, dass ich ja noch jemand Wichtiges treffen wollte, und zwar nicht hier, sondern woanders. Scheiße. Unmotiviertes Rumjuppeln, suchendes Umschauen. Endlich kommt meine Gesellschaft mit Flüssigkeit zurück, ich trinke den Becher halb leer und mache mich auf die Suche.

Plus: Man findet sich, übrig bleibt nur ein wenig schlechtes Gewissen für die viel zu lange Sucherei. Sind entspannt und gut bewässert, wenn auch leicht melancholisch – aber das ist auch ein Gefühl, das es sich zu haben lohnt.

Minus: Ganz so geil sind Tocotronic jetzt wirklich nicht (mehr). „Aber hier leben, nein danke“ mal ausgenommen, das diesmal sogar eine erträgliche Ansage bekommt, die meiner Interpretation des Liedes nicht im Wege steht.

Plus: Der vorletzte Song! Mir kann zwar niemand sagen, was für ein Song das war, aber meine Herren – ein Strudel, der meine Sinne durchwirbelt und mich nach rund fünfzehn Minuten ekstatischer Zuckungen völlig durchgetanzt ausspuckt. Danach: Kapitulation.

Minus: Jetzt bin ich schon wieder total dehydriert, und um die Ecke wartet schon der Dendemeier. Egal, ich muss jetzt ernsthaft mal was Trinken. Reihe mich in das Reißverschlussverfahren vor dem Getränkestand ein.

Plus: Für die Warterei werde ich durch den höflichsten Festivaldialog aller Zeiten entschädigt – noch dazu zwischen zwei Hiphopern:
„Entschuldige bitte, könntest Du ein wenig zur Seite gehen, damit ich meinem Kollegen hier die Getränke durchreichen kann?“
„Aber natürlich!“
„Vielen Dank! Einen schönen Abend noch!“

Plus: Der Dendemeier und seine wunderbar exzentrische Bühnenpersona. Wie er seinen DJ und seinen Drummer auffordert, bitte „nicht so’n Stress“ zu machen. Und vor allem: „Ich würde gerne ein Gedicht vortragen. Kann ich das machen? Ich mach das jetzt mal.“

20130823_233736Oder halt nur noch welche, die extra expressionistisch verwackelt sind. Könnte allerdings noch ein bisschen verwackelter sein.

Minus: Punkt zwölf ist es vorbei mit Musikgenuss unter freiem Himmel, dank drei stänkernder Anwohner. Irgendwie wollen alle nach Hause, fast alle. Übrig bleiben nur zwei unerschrockene Damen, die verdammt nochmal zu allem bereit sind. Außer, sich in der Menschentraube vor der Halle erquetschen zu lassen. Denn natürlich wollen jetzt alle da rein, wo es noch kracht – wir eigentlich auch, doch unsere Entspannung ist uns wichtiger.

Plus: Unnütze Dinge an den Ständen kaufen und sich viel zu sehr darüber freuen. Auf Sandsäcken lümmeln.

Plus: Die wunderbar sinnvolle Kopfhörerdisco – ohne sie wäre der Abend zwei Stunden früher zu Ende gewesen. Mit Funk und Soul und der auf vielfältige Weise amüsanten Erfahrung, zu Musik zu tanzen, die nur Eingeweihte hören können, bringt sie uns dazu, erst den nächsten Bus zu nehmen.

Minus: Viel zu viel Reggae!

Plus: Eine Menge Tanz, eine Menge Gelächter, alberne, aber durchweg nette Menschen, Orange-Ingwer-Limo, kuschlige Atmosphäre zwischen den Zelten, ein Lagerfeuer, der freie Himmel und den perfekte Abschlusssong. It’s all over now, Baby Blue.

20130824_020346Kopfhörerdiscodekoration.

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