Popcorn und Kunstblut: TITUS (1999)

 titus decision 2Titus, making a reeeally bad decision.

„Nein, tu’s nicht! He’s evil!!“, exklamiere ich und werfe klebriges Supermarktpopcorn gegen den Fernseher. Doch es ist zu spät – natürlich, denn das Stück ist schon über vierhundert Jahre alt, und wann hat Popcornwerfen jemals irgendwas verändert? Dennoch tue ich genau das, was so eine waschechte revenge tragedy von ihren Zuschauern verlangt: Mich ereifern und empören und die Hände in Waschfrauenmanier über dem Kopf zusammenschlagen angesichts des unausweichlichen Unheils, das da auf uns zurollt.

 titus regretTitus, regretting his reeeeally bad decision(s).

Aber das hier ist kein gewöhnliches Rachedrama, das hier ist Shakespeares Frühwerk „Titus Andronicus“, und wenn ich vorher nicht viel mehr darüber wusste, als dass der Kunstblutverbrauch in Julie Taymors Verfilmung desselben wohl Badewannen würde füllen können, so weiß ich spätestens ab der Hälfte, dass all das Kunstblutvergiessen hier so verdammt sinnlos ist wie sonst nirgendwo. Natürlich ist Feldherr Titus (Anthony Hopkins) selbst schuld an der Misere, wie jeder ordentliche tragische Held, aber die Ausmaße jener Misere lassen mich an meiner Popcornschüssel festfrieren und guppyähnlich nach Luft schnappen. Das Unheil in TITUS ist so verdammt unheilig, dass es auch im Umgang mit Filmgewalt moderat geschulten Zuschauern durch Mark und Bein fährt; auch dank Taymors drastischer Inszenierung, die der ohnehin radikal blutigen Vorlage bildgewaltige Durchschlagkraft verleiht. Während man Anfangs noch den üblichen politischen Wirrungen und Intrigen zu folgen glaubt, muss man irgendwann vom Glauben an die Sinnigkeit des Plots oder überhaup irgendeines menschlichen Tuns abfallen, spätestens beim Ansehen dessen, was was mit Titus‘ bedauernswerter Tochter Lavinia (Laura Fraser) passiert – Stoff für übelste, Saw-ähnliche Albträume. Was für ein kranker Perversling hat sich das bloß ausgedacht?

lavinia nightmareHigh Octane Nightmare Fuel.

Zum Glück kann man sich am wirklich ultraschwarzen Humor und der genussvollen Bösewichterei erfreuen, denn sonst hätte man ja gar nichts zu Lachen. Jonathan Rhys Meyers und Matthew Rhys sind als degeneriertes Brüderpaar Demetrius und Chiron ebenso zum Kreischen wie zum Davonlaufen, Alan Cumming als obviously evil Saturninus im Vergleich fast schon wieder ein Sympathieträger und Gotenkönigin Tamora (Jessica Lange in ihrer ersten Shakespeare-Rolle) lässt einem alles Mögliche kalt den Rücken runterlaufen. Die Quintessenz Shakespearescher villainy bringt allerdings der innbrünstig diabolische Harry Lennix als intriganter Aaron auf die Leinwand: „If one good deed in all my life I did / I do repent it from my very soul.“

saturninusObviously evil Saturninus on his obviously evil throne.

Hopkins unterdessen spielt seinen Titus mit oft befremdlicher Gemütlichkeit, unter der jedoch stets der Wahnsinn brodelt – eine sehr eigene, dennoch sehr treffende Interpretation der Rolle, die einem unter die Haut geht. Und babyfaced James Frain (jep, der schon wieder) macht sich bestens als harmloser, trauriger Unglücksrabe Bassanius.

Herz des Films sind trotz des tollen Castings jedoch die Sets und architektonischen Finessen, die nicht nur aus der Zeit, sondern gar aus der Welt gefallen sind. Ben-Hur-Streitwagen und 30er-Jahre-Autos, Römerrüstungen und Flipperautomaten: Die aus Stilen und Artefakten verschiedenster Zeitperioden zurechtgekittete Fantasylandschaft korrespondiert mit dem anachronistischen Historienmischmasch, aus dem sich Shakespeares Welt zusammensetzt, und lassen das ohnehin surreale Stück optisch noch verstörender erscheinen. Nicht, dass das nötig gewesen wäre.

pool dancingChiron doing a dance on the pool table. Yeah, stuff like this happens here.

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