Schall und Wahn

Murder by Death

23.05.2013, Bi Nuu Berlin (Schlesisches Tor)

Setlist (Spotify)

Wie aufregend

so aufgeregt zu sein, dass die Vorfreude von der Angst nicht mehr zu unterscheiden ist – der Angst, vor lauter Aufregung zur Freude nicht fähig zu sein, in all der Anspannung die Euphorie nicht zu fühlen, obwohl sie doch da ist – bis der erste Ton die Anspannung transformiert

in reinen, glückseligen Wahnsinn

Faulkner Murder

Murder by Death waren immer irgendwie meine Band, die EINE meine Band. Ich habe sie gefunden oder sie mich, wo genau, das weiß ich längst nicht mehr, aber wie, das weiß ich noch ganz genau. Wie es sich anfühlte, Red in Tooth and Claw zu entdecken, im Sommer vor vier Jahren muss das gewesen sein. Es ist spät, dunkel, ich bin allein auf dem Heimweg in das wunderbar heruntergekommene Haus, in dem wir unsere wunderbar heruntergekommene Wohnung haben, und da ist Nachthimmel, das orangerote Licht der Straßenlaternen und dieses kraftvolle, erhebende Cello. I’m coming home and there aint nothing you can do about it. 1 „Ich muss euch unbedingt was vorspielen, jetzt gleich.“ Die Sonne scheint durch die dreckigen Fenster der Buslinie 96 auf dem Weg zum Politikseminar, und ich meine, sie ist verklebt von Staub und Wüstensand. I have jade colored eyes that shimmered in the sun / If you stared at them too long you’d catch a glimpse on what I’ve done.2 „Damit muss ich unbedingt was machen.“ Ich war besessen von diesen Songs, von der dieser unwirklich cineastischen, märchenhaft-wüsten Welt, aus der sie erzählten, die ich mir zu eigen machte in meiner angestachelten Fantasie. So haben wir uns gefunden, ich und Adam Turlas lakonisch-düsterer Bariton, an dem er seit Like The Exorcist, but More Breakdancing (2002) so fleißig gearbeitet hat, ich und Sarah Balliets Cello, ich und Murder by Death, und ich teilte sie mit niemandem – nicht, weil ich es nicht versucht hätte, sondern weil es irgendwie nie recht dazu kam, dass jemand anders, den ich kannte, von ihrer Musik und der einzigartigen Hinterwelt, die sie mir eröffneten, jemals auch nur annähernd so ergriffen wurde wie ich. Aber das kann man wirklich von niemandem erwarten, und das ist auch nicht schlimm. So gehörten sie eben mir allein.

Nur eben nicht ganz, bis jetzt.

I went to Berlin on a train…

I went crazy and went to Berlin.3

Neun Stunden Zugfahrt verbringen wir mit Miriam und Pascal, die uns der glückliche Zufall geschickt hat.

Wir befriedigen unsere Süchte und sprechen über Suchtberatung, spüren jede Menge Gemeinsamkeiten auf. Ich fange an, Faulkners As I lay dying zu lesen, der ebenso Southern Gothic ist wie der Americana-Folk-Rock’n’Roll der Band, für die wir diese irrationale Tour de Force auf us nehmen, auch wenn die gar nicht aus dem Süden kommen, sondern aus dem mittleren Westen, aber was macht das schon, wenn man Fantasie hat? I don’t know if a little music aint about the nicest thing a fellow can have.4 Pascal spielt Beatboxquerflöte im Zugabteil, und Miriam hört Murder by Deaths neueste Platte Bitter Drink, Bitter Moon (2012). Sie findet Gefallen und überlegt, zum Konzert zu kommen, was sie später auch beinahe tut.

Nach neun Stunden Zugfahrt, nach mindestens zwei Monaten des Ticketbesitzens, nach mindestens vier Jahren, in denen ich mich durch die Diskografie gewühlt, Platten zusammengekauft und meinen eigenen Roman, der dieser Tage vollendet werden soll, auf ihren Songs basiert habe, ist es viel zu sehr höchste Zeit, so sehr, dass ich tagsüber kräftig stimmungsschwanke im windigen, nassen Prenzelberger Wetter und nicht mehr weiß, wie man so viel Vorfreude aushalten soll. Ich bin nur froh, dass es eine Vorband5 gibt, weil ich nicht damit klarkäme, wenn es gleich losgehen würde. So kann ich mich langsam daran gewöhnen: An den mittelgroßen dunkelroten Club im abgebrochenen U-Bahnhof, an die vielen Menschen in der geräumigen Halle, an die mittelhohe Bühne und den Sound der hoch hängenden Anlage und vor allem den Gedanken, dass hier gleich meine Band vor mir auf der Bühne stehen und meine Lieblingslieder spielen wird, und dass ich sie mit all diesen Menschen teilen muss, teilen darf. So seht ihr also aus, ihr Menschen aus meiner Welt. Ganz normal eigentlich.

Natürlich bin ich nicht alleine hergekommen, sondern mit dem einen Menschen, der fast alle meine Konzerte mit mir besucht hat, der am besten weiß, wie viel mir dieser Abend bedeutet und welche Ausmaße meine Euphorie annehmen wird, viel besser als ich, die immer zweifelt und die Anspannung so schwer verdaut, und auch wenn wir sonst meist ein unterschiedliches Bedürfnis nach Nähe zur Bühne haben und jenem auch nachgehen, will ich ihn unbedingt an meiner Seite wissen, gerade heute Abend. Nicht ganz vor der Bühne, aber doch fast, und das ist erst Mal gar nicht so schlecht.

Oben wird umgebaut, wir trinken Jack Daniels aus Shot-Gläsern, denn Whiskey muss sein bei dieser Band, für die Whiskey mindestens so wichtig ist wie Mord und Totschlag, der Teufel oder Vögel – ja, Vögel. Und tatsächlich tut der Schnaps wie erwartet seinen Teil dazu bei, dass ich meine Anspannung endlich als etwas Gutes wahrnehme und langsam nicht mehr an das Scheitern dieser Unternehmung glaube, die in ihrer Bedeutungsschwere so wahnsinnig überambitioniert ist wie dieser Text in seinem Versuch, die Umstände jenes außerordentlichen Gefühls zu beschreiben, das ich empfinde, als der erste Ton die Anspannung transformiert in reinsten, glückseligen Wahnsinn.

green murder

As long as there is whiskey in the world / we can drink away the heartache, we can drink away the thirst6

Das ist nicht mal mein Lieblingslied, das ist nicht mal mein Lieblingsalbum, und trotzdem kann ich plötzlich nichts mehr als Herzflattern und Zittern und Augenaufreissen und Quieken, ja, Quieken, und Tanzen und Mitsingen und alles, wirklich alles, was man tun kann, wenn plötzlich die Musik, die einem so fest im Kopf sitzen, die komplette Luft um einen herum erfüllt und alles so klingt, wie man es kennt, nur tausendmal existenter.

Es sind nicht mal meine Lieblingssongs, eigentlich, aber das würde mir wohl niemand anmerken, am wenigsten ich selbst. Sie sind sicher nicht die beste, die innovativste, die faszinierendste Band, nicht mal aus meiner Liste von Lieblingsbands, aber verdammt nochmal, wann habe ich mich zuletzt so großartig gefühlt?

mit hut

Ich tanze, ich schwitze, und fragt nicht wie.

Ich sehe mich manchmal um, zu meinem allerliebsten Begleiter, auch mal zu den anderen Menschen, um zu sehen, ob sie sehen, was ich sehe, und auch nur annähernd das hören und fühlen, was ich fühle. Ich glaube schon.

Meistens aber schaue ich nach vorne, zu Adam, der seine auf seiner Halbakustik schrammelt, die Anfangs keine Töne machen wollte, jetzt aber doch; zu Sarah, die immer wie eine Lady aussieht mit dieser Mischung aus Konzentration und Langeweile auf dem Gesicht, das sie macht, wenn sie den Bogen über die Saiten zieht; zu Matt Armstrong, dem Bassisten, der immer mal wieder zurückschaut, vielleicht nur, weil er sich fragt, ob ich gleich umkippe, aber keine Angst, ich bin immer so, naja, zumindest so ähnlich. Adam verliert seinen Hut und verpasst seinen Einsatz. Multiinstrumentalist Scott Bracket kommt hinterm Keyboard hervor und packt die Mandoline aus.

Ich tanze, ich schwitze, und fragt nicht wie.

ohne hut und ich

I get the feeling if I stay with you / You’ll never let me go / I want you7

Das fiebrige rote Licht die stehende Hitze der Schweiß der mein T-Shirt labbrig und klebrig macht genau so genau so muss das

It’s so hot / The bones show through our skin

ret hot

Jemand auf der Bühne hat seine wirklich winzig kleine Setlist zu einem Flieger gefaltet, der direkt vor meiner Nase verunglückt. Sie sieht aus wie ein japanischer Gebetszettel und ist das einzige, was mir jetzt hilft, dem rauschenden Wirrwar irgendeine Struktur abzuringen oder in irgendeiner Weise zu ermessen, wie viel Zeit wohl vergangen sein muss, während ich so lächerlich verzückt war. So weiß ich auch, wann genau der Moment kam, da ich mich nicht mehr dort halten konnte, wo ich war, überhaupt nicht mehr halten konnte, weil zu großartig, und überhaupt alles, und weil das mein Song ist, der im Herzen von allem steht, so verspielt-böse und intensiv und treibend, und der mich inspiriert hat, damals in der Buslinie 96 auf dem Weg zum Politikseminar. I have jade colored eyes that shimmered in the sun / If you stared at them too long you’d catch a glimpse on what I’ve done. / The faces of the damned / And all the butchered lambs / If I had to do it over I just would have done it slower Ich breche von der dritten in die erste Reihe vor und teile mein Konzert dramaturgisch in zwei Akte, von ein bisschen weiter hinten bis zu so weit vorne wie geht, von der geschützten Lage in die erste Reihe mit allem, was dazugehört: Schlechter Sound, die schutzlose Nacktheit im Angesicht der Bühne, das Gefühl, so verdammt nah dran zu sein an dem, was in diesem Moment wirklich zählt. Nichts anderes hätte ich tun können, denn wenn ich mir aus dem mittlerweile recht umfangreichen Oeuvre der Band einen Song hätte wünschen können, wäre es dieser gewesen, ganz klar. Denke ich zumindest.

When we meet you’ll see /I will destroy everything of beauty

Ich hänge mich ans Gitter, ich strecke die Hand nach der Musik aus. Ich singe, laut.

Nachher bin ich so geschwitzt, dass ich nicht umhin komme, mir ein T-Shirt zu kaufen, das eine mit dem Vogel natürlich, denn Vögel sind wichtig, jawohl. Die neue Platte gibt’s nicht mehr – beim nächsten Mal. Beim nächsten Mal wird es normaler sein, vorausgesetzt, sie lassen nicht wieder drei Jahre auf sich warten mit einem Deutschlandkonzert. Beim nächsten Mal werd ich nicht ganz so durchdrehen. Möglicherweise. Im Februar, sagt Adam Turla – vielleicht. Wahrscheinlich. Ich lasse mir seine krakelige kleine Unterschrift auf meine Setlist schreiben, eigentlich bloß als Vorwand, um mich peinlich aufführen und ein paar mickrige, lächerlich ungenügende Worte mit ihm wechseln zu können –

„Thanks for the great show. I love your music. You’re one of my absolute favorite bands.“

adam und eva 2

Die Euphorie hält sich über die Nacht. Wir trinken Bier und Wein und schauen Videos von Akustikgitarrenklampfern – Bright Eyes, Villagers, Ben Howard, und Adam Turla, natürlich. Mein zertanzter Körper will schlafen, mein zertanzter Geist bleibt noch ein bisschen wach. Neun Stunden hin, neun Stunden zurück, diesmal allein – mit Faulkner, an dem ich mich festbeiße wie ein räudiger Hund an einem fleischigen Wadenbein und erst auf der Strecke Frankfurt – Mainz wieder aus der Hand lege, nachdem ich weiß, wie der letzte Satz lautet. Und dabei meine durcheinanderwirbelnden Ohrwürmer (When I was a young boy / I went up to the hill8) trotz T-Shirt und Setlist immer noch die besten Souvenirs von einem Abend voller Musik, meiner Musik.

Murder by Death waren immer irgendwie meine Band, die EINE meine Band. Ich habe sie gefunden oder sie mich, wo genau, das weiß ich längst nicht mehr, aber wie, das weiß ich noch ganz genau. Und ebenso wenig werde ich vergessen, wie es sich anfühlte, endlich den Beweis zu erhalten, dass sie nicht nur in meinem Kopf existieren, sondern sie tatsächlich und wahrhaftig vor mir zu sehen, ihre Songs wieder zu entdecken, anders zu hören, live zu hören, zum allerersten Mal.

Denn jetzt gehören sie endlich wirklich mir.

And I don’t know if a little music aint about the nicest thing a fellow can have.

1„Coming Home“, in: Murder by Death – Red of Tooth and Claw, 2008
2„Rum Brave“, Red of Tooth and Claw
3Vgl. Faulkner, S. 250
4William Faulkner: As I Lay Dying (1930), First Vintage Interantional Edition, Okt. 1990, S. 259
5Die Vorband, Candice Gordon, war nicht schlecht, kann aber an diesem Abend, wie man sieht, nicht zu mehr als einer Fußnote gereichen.
6„As Long As There is Whiskey in the World“ – Good Morning, Magpie (2010)

7„Fuego“ – Red of Tooth and Claw

8„My Hill“ – Bitter Drink, Bitter Moon

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