„Da lebt noch was“

Der letzte Angestellte (2010)

& Filmgespräch mit Alexander Adolph (Regie) und Lucas Schmidt (Redaktion)

Samstag, 9. März, Murnau-Filmtheater

der letzte angestellte

Da steigt das FernsehKrimi-Festival in Wiesbaden, und der einzige Film, den ich mir dort ansehe, ist weder Fernseh noch Krimi, sondern ein Horror-Kinofilm. Zufall, ich schwör’s! Zwar bin ich durch kolossale Übersättigung des deutschen Krimis an sich eher überdrüssig, ohne dabei ein Qualitätsurteil fällen zu wollen oder zu können, doch das war so nicht geplant. Denn wo Thriller draufsteht, ist ja oft auch Krimi drin. „Der letzte Angestellte“ hat mit einem Kriminalfilm jedoch so gar nichts zu tun, obwohl sich Regisseur Alexander Adolph wie ziemlich jeder Filmschaffende in unseren Landen mit jenem Genre besonders ausgiebig befasst hat.

Der selbst erklärte Horror-Fantasy-Fan scheint nur zu gern die Gelegenheit genutzt zu haben, der Engstirnigkeit öffentlich-rechtlichen Filmverständnisses auf die große Leinwand zu fliehen und sich dort in einem Subgenre auszutoben, mit dem man in Deutschland nicht allzu viel Erfahrung hat: Dem Geister-Horror. Zugleich war ihm daran gelegen, keine (amerikanischen) Klischees zu erfüllen, sondern ein richtig „deutsches Horrorsetting“ zu erschließen: „Wir wollten mehr Realismus – nicht den typischen Gruselkeller, sondern einen bedrohlichen Ort, den wir vielleicht auch alle kennen.“ Es ist dieser Ansatz, der dem Film besonders macht. Ursprung allen Grusels in „Der letzte Angestellte“ ist ein hässlicher 70er-Jahre-Verwaltungsklotz, den die obrige Etage zu Ader gelassen hat: Nach einer Massenentlassung arbeitet niemand mehr an den verlassenen Schreibtischen im funzlig beleuchteten Büro. Niemand außer David Böttcher (grandios verkörpert von Christian Berkel), den eine Angstneurose aus dem Berufsalltag katapultiert hat und der hier seine letzte Chance auf einen Neuanfang sucht. Schon die Szenen, in denen er einsam durch die stillgelegten Räume wandelt, in denen das Leben in Form von Post-its und benutzten Kaffeetassen nur noch leise nachhallt, lassen einem den Schauer über den Rücken wandern: „Das Gefühl, da lebe noch was“, beschreiben es die Filmemacher treffend. Doch der Film belässt es nicht beim subtilen Alltagshorror, sondern öffnet Tür und Tor für den Schrecken des Übernatürlichen, zelebriert und variiert effektiv bekannte Horrorstandards und bietet sogar pointierten und wirklich fiesen Splatter.

Wie wenig das Zielpublikum des Krimifestivals mit solcherlei Genrespielereien vertraut ist, zeigt sich im nachfolgenden Filmgespräch. Immer wieder besteht das Plenum darauf, dass „Der letzte Angestellte“ ja „nicht nur ein Horrorfilm“ sei, sondern man ganz überraschend ja auch tiefere Ebenen entdecken könnte!  Wo das Übernatürliche wirkt, sucht das Krimi-geschulte Publikum analytisch die Logik, und zaghaft wird nachgefragt, ob es weniger Blut und weniger Schock nicht auch getan hätten. „Oft werden gerade durch Weglassung die besten Effekte erzielt“, weiß Adolph. „Aber hier waren wir nicht mehr beim Fernsehen, wir mussten nichts weglassen. Die Splatterszenen einzubauen, das war das eigentliche Wagnis.“

Der Regisseur hat selbst erkannt, dass der Film zwischen den Stühlen sitzt: Zu „artsy“ für den Horrorfan, zu explizit für den Programmkino-Gänger, glaubt er. Dass „Der letzte Angestellte“ an den Kinokassen floppte, liegt jedoch mehr an Produktionsfirma und Filmverleih, die dem Projekt gleich mehrere Beine stellten und das ganze Unternehmen für Adolph deshalb zu „einer der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens“ machte. Nachdem der Film erst kein Verleih finden wollte, wurde schließlich so wenig für seinen Vertrieb getan, dass nur zwei Kopien in den deutschen Kinos kursierten, Adolph den Trailer aus eigener Tasche finanzieren musste und Lucas Schmitt, ZDF-Redakteur Kleines Fernsehspiel, anmerken muss, dass „wenigstens irgendeine Werbung“ schon nicht schlecht gewesen wäre. Das ist umso bedauernswerter, da der „Angestellte“ zeigt, dass sich auch mit dem lächerlich geringen Budget von 1 Million Euro eine Menge Qualität schaffen lässt – dank akribischer Planung und Liebe zum Detail, etwa in der Farbgestaltung und der atmosphärischen Grobkorn-Optik, einer wirkungsvollen Kamera und starkem Sounddesign.

Ein Publikum für die „Zwischenräume“, die Alexander Adolph mit seiner Arbeit auszuloten suchte, gibt es nämlich! Um sich dieses zu erschließen – und dabei vielleicht auch die verkrusteten Sehgewohnheiten den deutschen Film betreffend ein wenig aufzubrechen – hätte sich in der Maschinerie hinter dem Filmerlebnis jedoch irgendwer zumindest ein winziges bisschen Mühe geben müssen. Oder bin ich da zu optimistisch? Wie dem auch sei: Ich hab‘ jedenfalls das Gefühl, da lebt noch was.

(„Der letzte Angestellte“ läuft übrigens irgendwann bald auch im Fernsehen, auf arte. Dann bestimmt ohne Ekel-Szenen.)

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