Schießen Sie auf den Pianisten

Roman Fischer am Montag, 7. Juni, in der Frankfurter Brotfabrik

Er ist nur mittelgroß und eigentlich eher unscheinbar, ein etwas schüchterner Typ mit dunklem Haar und runden Augen. Nett und harmlos ist er, und eigentlich will er auch nichts anderes, als die Leute im Club mit ein bisschen Pianomusik zu unterhalten und mithilfe seiner „evil keys“ und seines „evil mind“ so langsam, aber unaufhaltsam die Weltherrschaft an sich zu reissen. Roman Fischer, dieser vordergründig so lieblich lächelnde Schlacks, ist ein böses Genie wie aus einem Bondfilm, der mit seiner Tollpatschigkeit tsunamiartige Katastrophen anrichten kann. Schon während seine Band gerade die ersten Töne anschlägt, rumpelt ihr Mastermind mit dem Hintern zuvorderst in eine Monitorbox. Mit der Schnelligkeit eines erfahrenen Stolperers rappelt er sich wieder hoch und wirft sich in die Saiten seiner Gitarre. Es scheint ihm auch nur ein bisschen peinlich zu sein.

Vielleicht ist auch dieses Manga-Grinsen seine eigentliche Superkraft? Oder der damit einhergehende, offenbar unbesiegbare Optimismus? „Vielen Dank, dass ihr alle da seid!“, säuselt er zart ins Mikrofon, worauf das Publikum von mehreren Ecken der Konzerthalle her ungläubig grunzt. Von „alle“ kann wirklich keine Rede sein. „Doch, im Ernst“, muss Fischer versichern, „beim letzten Mal war viel weniger los – und in fünf Jahren dann…!“ Wie viele hatte ich gezählt? Sechsundzwanzig? Natürlich muss man da noch jene Kameraden draufschlagen, die bis zum Äußersten die Sonnenstrahlen und das Nikotin vor dem Eingang der Brotfabrik genossen, aber dennoch… es ist mickrig. Da kriegt man erst ein bisschen Angst, vielleicht auch davor, die Musiker auf der Bühne die Nase rümpfen zu sehen. Immerhin hatte der Mann erst vor drei Tagen auf Rock am Ring gespielt.

Zugegebenermaßen erst um 14 Uhr und wahrscheinlich auch nur als ständiges Anhängsel der Sportfreunde Stiller, die sich in den wuseligen Wahl-Berliner vernarrt zu haben scheinen wie in ein ganz besonderes Plüschtier, aber trotzdem, immerhin. Dieses Plüschvieh jedoch zeigt keine Zeichen von Arroganz. Auch nach der großen Alternastage mit verschlafenem, wahrscheinlich stinkendem, aber immerhin vorhandenem Ringpublikum ist Roman Fischer immer noch genauso grundsympathisch, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Am Anfang eines Festivals im tiefsten Saarland, dem Rocco Del Schlacko, lernte ich ihn und seine Band, wie es die Phrase will, kennen und lieben (natürlich auf rein platonischer Basis). Neben mir standen solche Typen, die man immer ganz weit weg wünscht, egal wo auf Gottes grüner Erde sie sich gerade befinden, und sie lästerten und machten mich wütend, weil sie nichts kapierten. Ich erinnere mich noch ziemlich genau, wie Roman sagte: „Ihr seht heute hübsch aus“, und sie brüllten „Du auch!“ zurück, ironietriefend. Roman sagte danke, ganz ironiefrei.

Das ist jetzt rund drei Jahre her. Heute hat Roman Fischer ein neues Album im Gepäck, dessen Songs mir jetzt wieder ebenso fremd und neu und spannend erscheinen wie die alten Songs damals im Saarländischen, bei diesem magischen ersten Kontakt. Fast schon entschuldigt er sich dafür, dass die neuen Sachen einen großen Teil seiner Setlist ausmachen, dann wieder weiß er gar nicht richtig, was er überhaupt sagen wollte – „zu aufgeregt…“ Trotzdem ist er professioneller, als es ein Aydo Abay jemals war. Wie er sich gebärdet, was er sagt oder nicht sagt fügt sich trotz mehr oder weniger galanter Zufälligkeit mit seiner Musik zu einem stimmigen Gesamteindruck zusammen. Seine Musik klingt noch immer verträumt-nerdig von Kopf bis Fuß, mal indie-poppig und mal psychedelisch-placeboesk. Jetzt aber ist da viel mehr Disco und mehr Power-Pop, der aber trotzdem nicht zu aufdringlich daherkommt und zumindest live gut funktioniert. Sie haben einen vierten Mann auf der Bühne, den es vor drei Jahren noch nicht gab, und allein das sagt: Wir sind fetter geworden. Alles riecht ein bisschen nach der ungewissen Vorfreude, vielleicht kurz vor einem Durchbruch zu stehen, und das ist wieder ein magischer Moment im Zyklus einer jeden Fan-Band-Beziehung. Pathos, meinetwegen, ich jedenfalls bin jetzt gerade stolz, richtig stolz, irgendwann mal sagen zu können, dass man schon drei Jahre vorher alles wusste.

Es macht „plong“, die Gitarre fällt. Die Welt hält den Atem an. „I’m so clumsy“, kommentiert Roman, der Schuld ist, das Geschehen in überflüssiger Weise. „Geht sie noch?“ „Ne. Is‘ kaputt.“ Ein Augenblick des betretenen Schweigens. „In Frankfurt habe ich eine G i t a r r e kaputt gemacht!“ Bedeutungschwangere Worte von einem, der wirklich nicht nach abgeschmacktem Instrumentezerschlagen aussieht. Oder will uns die optische Harmlosigkeit, das Lausbubenlächeln, nur vergessen machen, welch zerstörerischer Hirnschmalz unter diesem verschwitzten Haarschopf lauert? Remember, Weltherrschaft. Könnte wirklich was werden diesmal.


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